Die Bernd Kussmaul GmbH bringt Glanz in den Jaguar F-Pace und Bugatti Chiron

Rosafarbene Tablets bestückt mit weißen Einweg-Tüchern. Hochglänzende Metallteile – fein säuberlich (schwäbisch) sortiert und symmetrisch ausgerichtet. In der Ecke dahinter hochfrequente Schleif- und Poliergeräusche; es riecht nach Desinfektionsmittel. Gebohrt wird hier jedoch nicht. Und wir sind an jenem Montag Morgen glücklicherweise auch nicht beim Zahnarzt. Trotzdem – oder gerade deshalb – erfordern ganz spezielle Arbeiten die selbe Präzision gepaart mit hoher Ausdauer. Wir haben mit dem Jaguar F-Pace S unsere ganz eigene Craftsmen-Tour gemacht und besuchten einen Hidden Champion der Hochpräzision. Die Bernd Kussmaul GmbH fertigte unter anderem das Interieur der F-Pace-Studie mit dem Codenamen C-X17, versorgte die Fertigungskette des Bugatti Veyron und liefert im Moment einige Interieur- und Exterieurteile für den Nachfolger Chiron.


13 Stunden Finish für ein Teil des Bugatti Chiron – von Hand

Ein stabförmiges Teil aus Stahl mit einer Länge von 630 Millimetern verliert seine Toleranzen, wenn man es an der falschen Stelle berührt? Damit rechnete nicht einmal das Team rund um Tüftlergeist und Präzisionsfanatiker Bernd Kussmaul.

Bildergalerie: Blick hinter die Kulissen der Bernd Kussmaul GmbH

Bildergalerie: Blick hinter die Kulissen der Bernd Kussmaul GmbH
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So wird die preisgekrönte Spange in aufwendiger Handarbeit poliert. 13 Stunden dauert die Bearbeitung.

Doch tatsächlich verringerte sich der Durchmesser der halboffenen Röhre mit Netzmuster, eine Produktionswelle für Tageskontaktlinsen, beim Transport zur Maschine manchmal so stark, dass die zu fertigenden Kontaktlinsen stecken blieben. Eine passgenaue Transportsicherung aus speziellem Kunststoff sowie die Umgestaltung der Verpackungsträger schaffte Abhilfe.

Wie vermutet ist die Bernd Kussmaul GmbH bei Weitem nicht nur im Automobilsegment tätig. Sie agiert weltweit, produziert aber – bis auf die Oberflächenbearbeitung wie zum Beispiel Hochglanzpolieren oder Bürsten der Bauteile – nicht selbst, und ist dennoch ein Zulieferer. Jedes einzelne Teil, das dem unscheinbaren Unternehmen im Remstal bei Stuttgart entstammt, ist ein Schmuckstück der hauptsächlich metall-, spritzguss- oder carbonverarbeitenden Kunst. Das Qualitätsniveau ist so hoch, dass nicht einmal Premiumhersteller auf die Teile für ihre Serienproduktion zurückgreifen.

Ein Meisterwerk der Bildenden Künste: das sagen nicht nur wir, sondern auch Bugatti, die jene Spange zum "Masterpiece of Art" kürten
Ein Meisterwerk der Bildenden Künste: das sagen nicht nur wir, sondern auch Bugatti, die jene Spange zum „Masterpiece of Art“ kürten

Bei Jaguar beispielsweise reichte das Budget nur für Interieurteile der drei gebauten C-X17 – der atemberaubenden Studie des Jaguar F-Pace. Und auch für den I-Pace fertigte die Kussmaul GmbH Interieurteile. Zur Lieferung von Serienteilen kommt es aber wahrscheinlich wieder nicht. Kein Wunder, denn alleine das Finish der Spange für das Interieur des Bugatti Chiron dauert 13 Stunden. Was das kostet..!

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Bei unserer allerersten Berührung mit dem Superauto bei seiner Weltpremiere in Genf entschieden wir uns zum ersten Mal, ein Bild des Interieurs als Titelbild für einen Beitrag zu nehmen. So etwas Stimmiges und Besonderes sieht man tatsächlich nicht alle Tage. Ist es nicht schön, Produkte auf dieser Welt zu haben, die den Anspruch verfolgen, perfekt zu sein?

Premium ist nicht ausreichend, deswegen fräst man aus dem Vollen

Premium trifft Premium? Falsche Kategorie: eher das Beste oder nichts. Bei der Bernd Kussmaul GmbH wäre jene von Mercedes zweckentfremdete Floskel die innerste Überzeugung und zugleich Handlungsleitfaden. Wenn etwas nicht passt, wird es nicht passend gemacht, sondern weggelassen. Aus tiefster Überzeugung – frei nach dem Motto: das Beste für das Beste.

Umtriebiges Käpsele und beeindruckende Persönlichkeit: Bernd Kussmaul mit einem Lufteinlass des Bugatti Veyron, den sein Unternehmen in verschiedensten Veredelungsstufen fertigte.
Umtriebiges Käpsele und beeindruckende Persönlichkeit: Bernd Kussmaul mit einem Lufteinlass des Bugatti Veyron, den sein Unternehmen in verschiedensten Veredelungsstufen fertigte. Im Hintergrund die Sitze des Bugatti Veyron.

Die Kunden der schwäbischen Innovationsschmiede mit 40 Mitarbeitern vertrauen nicht nur auf den Glanz der Bauteile, die ihre Schmuckstücke so begehrenswert machen, sondern auch auf das prozess- und steuerungsspezifische Wissen des Inhabers und seines Teams. So kamen in letzter Zeit im Automobilsektor zahlreiche Luxushersteller hinzu, so zum Beispiel Rolls-Royce oder Koenigsegg.

Auch tritt die Kussmaul GmbH als Netzwerkpartner für das neue und limitierte PG Bugatti Bike auf, das wir auf dem diesjährigen Autosalon in Genf begutachten durften.

Vertrauen ist gut, Kontrolle besser: hier in der Qualitätskontrolle werden an drei Tischen die ankommenden Produkte auf Fehler begutachtet und erst dann an den Hersteller bzw. Auftraggeber weitergeleitet, so dass dort die Qualitätskontrolle wegfallen kann.
Vertrauen ist gut, Kontrolle besser: hier in der Qualitätskontrolle werden an drei Tischen die ankommenden Produkte auf Fehler begutachtet und erst dann an den Hersteller bzw. Auftraggeber weitergeleitet, so dass dort die Qualitätskontrolle wegfallen kann.

Die Bernd Kussmaul GmbH produziert nicht selbst, sondern lässt produzieren. Immer dort, wo es am Besten ist. Im Anschluss übernimmt die schwäbische Firma die Qualitätskontrolle oder – wie oben beschrieben – das Hochglanz-Finish für seine Kunden. Gewiss spielen Preisfaktoren hier ebenfalls eine Rolle, jedoch verhandelt man einfach in einer anderen Liga. Kosten, die beim Fräsen einer 22 Zoll Felge aus einem Aluminiumblock entstehen, kann man nur schwer wegdiskutieren oder Einsparpotentiale herausarbeiten. So etwas ist einfach teuer.

Wir durften unser Testfahrzeug mitten in die Qualitätskontrolle der Bernd Kussmaul GmbH stellen und versuchten so, den Zusammenhang zwischen Ursprünglichkeit des Studien-Interieurs und dem heutigen herzustellen.
Wir durften unser Testfahrzeug mitten in die Qualitätskontrolle der Bernd Kussmaul GmbH stellen und versuchten so, den Zusammenhang zwischen Ursprünglichkeit des Studien-Interieurs und dem heutigen herzustellen.

Jaguar F-Pace im Herzen der Präzisionsschmiede

Unumstritten ist der Jaguar F-Pace eines der schönsten SUV, die sich in diesen Zeiten über die grauen Pisten bewegen. Wir hatten die Ehre, gleich die Topversion mit 380 PS aus einem Sechszylinder-Kompressormotor beurteilen zu dürfen.

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Oftmals unterscheiden sich Studien maßgeblich vom anschließend folgenden Serienfahrzeug. Beim Jaguar F-Pace ist das nicht so: die Studie C-X17 ist fast eins zu eins übertragen worden. Nur das Interieur wurde anders gestaltet – leider. Trotzdem ist der Ort der Bernd Kussmaul GmbH an Ursprünglichkeit nicht zu überbieten, schließlich entstanden hier viele Ideen, Designkonzepte und Materialkombinationen für Jaguar Land Rover.

Wenn Sie also nicht schon in der obigen kommentierten Bildergalerie hängen geblieben sind, holen Sie es nach – es lohnt sich.

Das ist die Bernd Kussmaul GmbH – in drei Sätzen

Bernd Kussmaul, ein umtriebiger Tüftler, einst bei Mercedes-AMG im Rennsport für das Lieferanten-Management beschäftigt, machte sich 1996 mit der gleichnamigen GmbH mit Scharf-S selbstständig. Die Firma ist spezialisiert auf Produkte und Prozesse höchster Präzision und Komplexität und verfügt mittlerweile über ein weltweit agierendes Netzwerk zur Auswahl der besten und geeignetsten Lieferanten. Ziel ist es, für jedes einzelne Produkt den bestmöglichen Netzwerkpartner in Form eines oder mehrerer Lieferanten anzubieten und den Prozess bis zum Einbau so effizient wie nur möglich zu begleiten.

Benjamin Brodbeck

Benjamin Brodbeck ist 26 Jahre alt und studierte Automobilwirtschaft. Momentan befindet er sich in seinem Magister für Publizistik an der Universität Wien. Neben seiner Tätigkeit als Jazz-Pianist bringt er seine Leidenschaft für und sein Wissen von Automobilen in Form und Sprache als Publizist bei AUTOmativ.de zum Ausdruck.

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