Fahrbericht Ford Focus RS: Er will nicht bequem sein!

Endlich is es soweit: wir sind den Ford Focus RS gefahren! Bereits im vergangenen Jahr startete Ford den Verkauf des Ford Focus RS – wir berichteten. Seitdem ist er in Deutschland über 950 Mal zugelassen worden. Deutlich öfter als die – zu diesem Zeitpunkt längst erhältlichen – Konkurrenten Volkswagen Golf R oder BMW M2. Neben all den Hot-Hatches zwischen 200 und 400 PS – und das in den verschiedensten Ausführungen – könnte man schon fast von langweiliger Nischenmarktsättigung sprechen, oder..?


Grundsätzliches über den Ford Focus RS

Eigentlich gibt es nur zwei Meinungen zum Ford Focus RS: man liebt ihn, oder man verabscheut ihn! Wir lieben ihn, weil er einfach anders ist, als seine Konkurrenten. 

Man schaut sich in einer Klasse um, die nur so von PS-protzenden Fahrzeugen auf Steroiden beherrscht wird. Hier fällt der Ford Focus RS eigentlich gar nicht auf. Mit einem Spoilerwerk einer Mercedes-Benz AMG A 45 oder gar einem Honda Civic Type R kann die Aerodynamik eines Focus RS optisch jedenfalls nicht ganz mithalten. Mit einem Allradantrieb aus dem Hause Audi à la Audi RS3 leider ebenfalls nicht. Ergo, es gibt eigentlich schon alles. Aber: der Ford Focus RS ist eben doch besser, weil er einfach anders ist! Warum? Das folgt jetzt.

Ford Focus RS

Der RS begrüßt einen schon beim Einsteigen

Keine Frage, die Konkurrenz aus Ingolstadt, München, Stuttgart, Wolfsburg und weltweit ist großartig. Jedes einzelne Auto für sich glänzt an der Stelle, an der es ist. Aber keiner kann das, was der Focus RS kann!

Als die Kölner diesen Focus RS gebaut hatten – den dritten inzwischen – dachten sie sich sicher nicht, dass es einer wird, wie es ihn noch nie gegeben hat.

Ford Focus RS

Öffnet man die Tür des Nitrous-Blau Metallic lackierten Wagens, dann fallen einem sofort die beiden Recaro Schalen ins Auge. Diese nehmen mit ihrer hohen Seitenflanke den Fahrer auch sofort in Empfang – man schrammt beim ersten Mal unweigerlich mit seinem Allerwertesten darüber und kommt sich dabei ein bisschen so vor, als würde man sich durch den engen Überrollkäfig und über den hohen Seitenschweller eines DTM Rennboliden schieben.

Die erste Fahrt – im Rallycar?!

Die Erwartungen waren groß; es ist viel geschrieben und geredet worden. Wir fragten uns wirklich, ob wir langsam verrückt werden. Soll dieser RS wirklich die große Sensation sein? Klar, große Fußstapfen haben seine Vorgänger hinterlassen. Ob als Rallyfahrzeug pilotiert von Colin McRae, Markus Grönholm oder Mikko Hirvonen damals oder als 600 PS starkes Driftmonster von Ken Block heute. Egal welche Modellgeneration, wir wollten sie doch alle mal fahren!

Ford Focus RSFord Focus RS im Test von AUTOmativ.de Benjamin Brodbeck Stefan Emmerich 8 - Fahrbericht Ford Focus RS: Er will nicht bequem sein!

350 PS leistet der 2,3 Liter Vierzylinder Turbo – ja richtig gelesen. Beeindrucken, welch große Leistungsstufen heute aus kleinen Motoren zu holen sind. Im Vergleich zu seinem älteren Bruder ist er allerdings um einen Zylinder ärmer geworden. Ja, ein Vierzylinder wie jeder andere auch – leider! Der Grund für die Verkleinerung lag darin, dass es ein nicht rentabler Aufwand gewesen wäre, die bestehenden Abgasregelungen einzuhalten. So entschied man sich ohne großen Aufwand für das Ecoboost-Herz aus dem Ford Mustang – dort ist er ja eigentlich eh am falschen Platz…

Ford transplantiert also das Herz, sattelt noch etwas drauf et voilà: 440 Nm pumpt der Twin-Scroll-Lader aus 2,3 Litern Hubraum, mittels Overboost kommen 15 Sekunden lang sogar noch mal 30 Newton’sche Meter dazu. Damit lassen sich die 1.529 Kilogramm dann in 4,7 Sekunden auf 100 katapultieren – per Launch-Control traditionell von Hand geschaltet! Turboloch? Gibt es kaum!

Ford Focus RS

Das Fahrwerk gibt jede Welle und Kante der Fahrbahn durch die – leider etwas zu hoch montierten – Recaroschalen direkt ins Rückenmark. Das Popometer juchzt vor Entzücken. Das Gehirn schüttet Glücksgefühle aus. Dieses Gefühl im Sitz wird noch verstärkt durch eine saubere Rückmeldung der Lenkung und das prompte Ansprechverhalten des Motors. Die straffe und sehr sportlich abgestimmte Kupplung mit samt dem Sechsgang Schaltgetriebe leistet ebenfalls ihren Beitrag zum nahezu perfekten Hothatch.

Das Alleinstellungsmerkmal des Ford Focus RS – oder sind es mehrere?!

Bisher klingt das alles nach einer subjektiven Beschreibung eines Automobilisten, der eben für dieses Fahrzeug schwärmt. Ist er doch wie jeder andere Hot-Hatch?

Nein, ein paar Dinge sind eben doch etwas anders. Der Klang – beispielsweise – ist nicht mehr ganz so satt wie früher, jedoch alles andere als Mainstream. Die Basis hat etwas an Attraktivität verloren, das dumpfe Knurren beim Beschleunigen vereinnahmt einen aber dann doch recht schnell. Vor allem weil die Klappenabgasanlage in den schärferen Fahrmodi den Bass noch einmal richtig aufdreht und eingespritzten Treibstoff mit einem gehörigen Böllerschlag im Endrohr verabschiedet.

Kills bugs fast. Der ursprünglich von Porsche ausgearbeitete Spruch trifft auch für den Focus RS zu.
Kills bugs fast. Der ursprünglich von Porsche ausgearbeitete Spruch trifft auch für den Focus RS zu.

Fahrmodi gibt es vier an der Zahl: Normal, Sport, Track und Drift. In jedem Modus steckt ein wenig Liebe zum Detail. Es ändern sich die Konfiguration des Fahrwerks, der Lenkung, Gasannahme und Motorcharakteristik sowie das Allradsystem.

Im Normal-Modus ist der Focus RS durchaus straff abgestimmt. Jedoch niemals so straff, dass man Oma’s Gebiss nach der Fahrt zum Kaffeeklatsch aus dem Fußraum holen müsste. Sport ist ein wenig härter, direkter und lauter. Ebenso der Track-Modus, der für eine Fahrt auf der Landstraße und vermutlich auch auf der Nordschleife eher zu hart sein könnte – eher für planierte Rundstrecken geeignet.

Der Drift-Modus ist nun das Alleinstellungsmerkmal. Allrad haben viele, einen Allradantrieb, den man aber per Knopfdruck in einen Heckantrieb verwandeln kann, hat keiner! Modus eingestellt, werden die Differenziale an der Hinterachse gesperrt. Eine Anleitung ist hier ebenfalls gleich gegeben. 1. Modus an, 2. ESP aus, 3. bestimmt einlenken und 4. Vollgas. Die Kraftverteilung wandert nun entlang der Hinterachse in Richtung des kurvenäußeren Rades – der Hintern drückt raus. Je nach Kurvenradius, Drehzahlbandlänge des eingelegten Gangs und Entschlossenheit lässt sich dieses Kunststück ausdehnen bis Ultimo. Der Ford Focus RS bleibt dabei stets im Rahmen seiner sicheren Möglichkeiten und beschreibt daher eher ein kontrolliertes Übersteuern als einen wirklichen Drift in großem Winkel. Natürlich erreicht man nicht die Querdynamik eines BMW M2, alle anderen Allradler bewegen ihr Hinterteil allerdings lange nicht so spritzig.

Dennoch sollte man diese Manöver nur auf abgesperrten Strecken und als geübter Fahrer durchführen – denn schnell kann man dabei auch über sein eigenes Limit hinausschießen!

Fazit von AUTOmativ

 Optischer Eindruck  +++++
 Qualität Karosserie  ++++
 Qualität im Interieur  +++
 Lenkung  +++++
 Fahrwerk  +++++
 Motor  ++++
 Raumangebot  ++++
 Digitales Bedienkonzept  ++
 Innovation  +++
 Preis  ++++
 Gesamteindruck  ++++
   +++++ = Maximum

Wer sich nun an den Ecken und Kanten des Ford Focus RS stört, darf gern in den Unisexmantel aus Wolfsburg schlüpfen oder sich zur Einstimmung durch den Premium-Schnickschnack des Audi RS 3 konfigurieren. Wer allerdings ein Fahrzeug mit Charakter sucht und es egal ist, wie sich die Kunststoffoberflächen im Interieur anfühlen, der wird spätestens beim Preis den anderen die lange Nase zeigen.

Neben dem Peugeot 308 GTi ist der Focus RS der letzte Handschalter, auf dem Track ist er der Konkurrenz aus Ingolstadt oder Affalterbach in Sachen Anbremsen und Rausbeschleunigen unterlegen. Mit der Spitze muss er sich aber auch nicht messen. Mit einem Grundpreis von 40.675 Euro und einem maximalen Preis von 48.815 Euro spielt er mindestens eine Liga darunter. Es ist eben ein Fahrzeug, das sich vom Fahrer anfassen lässt – und ihn deshalb berührt.

 

Dieses Fahrzeug wurde uns freundlicherweise von der Schwabengarage Stuttgart zur Verfügung gestellt.

Stefan Emmerich

Um über Automobile zu schreiben, ist es keine zwingende Voraussetzung, sich von Klein auf dafür zu interessieren. Doch bei Stefan Emmerich war das eben so. Sein Technisches Studium – Automobil-affin – ergänzt sein großes Interesse an Mobilien jeglicher Art und weiß die Bedeutung hinsichtlich Neuheiten und ihrer Details zu beurteilen.

Ein Gedanke zu „Fahrbericht Ford Focus RS: Er will nicht bequem sein!

  • 4. August 2017 um 10:37
    Permalink

    Ich finde im Video die Tonstörungen ziemlich störend, die Stimme des Fahrers ist manchmal schlecht zu verstehen und irgend etwas knarzt/quietscht die ganze Zeit, was nicht vom RS kommen kann. Zumindest macht meiner diese Geräusche nicht 😉

    Was ich aber richtig schlecht finde, dass die Außenaufnahmen einfach von anderen Videos, und zwar von der Präsentation in Valencia, stammen. Bei den Innenaufnahmen sieht man deutsche Wälder und bei den Außenaufnahmen, welche auch eine wesentlich bessere Qualität aufweisen, sieht man die wundervolle Stadt Valencia.

    Daher von mir ein dicken Daumen nach unten! Auch ist der Test sehr spät dran, aber bei der Qualität des Videos wundert es mich nicht, dass Ford die Beiden im Video nicht zur Präsentation in Valencia eingeladen hat.

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