Kia EV6 GT: Elektro-Performer für eine spaß(nach)haltige Zukunft

Inflationär genutztes Wort hin oder her: Der Kia EV6 GT mit seinen 585 PS Leistung und und 740 Nm Drehmoment beschleunigt genau so schnell wie ein Audi RS 3 mit 400 PS und 500 Nm Drehmoment. (Moment: Nicht schneller? Später.) Keine Frage: Das ist brachial. Und kostet knapp über 70.000 Euro Grundpreis. Dennoch stellt sich die Frage: „Lohnt“ sich das?


Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich kann dieses Wort „nachhaltig“ nicht mehr hören. Jeder verwendet es. Alle verwenden es. Wenn nur die Hälfte davon wirklich stimmen würde, wären wir auf einem guten Weg. Aber viel zu wenige meinen es ernst.

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Kollege Alex Bloch fährt den Kia EV6 GT quer und – ohne jetzt Spielverderber zu sein – produziert ziemlich viel Feinstaub. Haha. Dennoch: Der EV6 GT kommt mit einer sehr coolen Funktion, dem Drift-Modus, der anscheinend gar nicht so einfach zu beherrschen ist.

Tja, und dann bauen die Koreaner zwar wahnsinnig coole, aber auch eher nicht so dem eigentlichen Nachhaltigkeits-Prinzip entsprechende Elektro-Performer, die eindrucksvoll im Drift-Modus Reifen schreddern können. Und dann frage ich mich: Hat sich der wahnsinnig teure, aufreibende und noch länger anhaltende Umstieg von konventionell angetriebenen Autos auf rein Elektro gelohnt? Oder „lohnt“ er sich?

Um Gottes Willen will ich kein Spielverderber sein. Niemals. Wie Sie wissen liebe ich fahrdynamikorientierte und spaßbringende Autos aller Art. Auch der Kia EV6 ist ein grandioses Auto. Doch im Prinzip haben wir jetzt wieder die selben, freilich moderneren Autos – nur statt Verbrennermotor jetzt mit Elektromotor. Es ist anders, aber so viel besser? Wäre die ganze Sache mit einem weiterentwickelten Kia Stinger GT, betrieben mit nachhaltigem Kraftstoff so viel schlechter? Oder wäre es sogar besser, hätten wir all die Ressourcen, die wir weltweit in die Transformation hin zur Elektromobilität gesteckt haben, in die Entwicklung nachhaltiger Kraftstoffe gesteckt? Dann wären vielleicht schon die Mega-Anlagen in den Wüsten entstanden, die uns Unmengen an E-Fuels bescheren würden? Nur ein Gedankenspiel.

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Brutales Heckdesign, leicht angedeuteter Diffusor: Nur der doppelflutige Auspuff an jeder Seite fehlt im gewohnten Bild eines Performance-Autos.

Etwas ketzerisch könnte man auch fragen: Wir haben Benzin jetzt durch überwiegend Kohlestrom PLUS eine wahnsinnig aufwendige und teure Entwicklung PLUS die Erschließung neuer umwelttechnischer Problemfelder in den Kobalt-Minen und südamerikanischen Salzwüsten ersetzt. Klar, vieles davon wird auf die lange Sicht so nicht bleiben – zum Glück – aber ich glaube die Sinnfrage stellt sich im Moment intensiver als je zuvor. MUSS sich im Moment mehr als zuvor stellen. Weil auch niemand die Ressourcen und Emissionen des gesamten industriellen Umstiegs auf Elektromobilität einberechnet hat – zumindest kenne ich hier keine Zahlen.

Nun, es ist so wie es ist. Wir sind im Moment in einer höchst volatilen Zeit, in der sich einiges sehr schnell ändern kann. Genießen wir die Mitfahrt mit dem Kia EV6 GT:

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Fast so schnell wie ein Audi RS 3

Damit man einen Vergleich hat: Der neue Kia EV6 GT beschleunigt in 3,5 Sekunden von 0 auf 100 Km/h und rennt bis 260 Km/h Höchstgeschwindigkeit. Kostenpunkt: Knapp über 70.000 Euro in der Basis. Der neue Audi RS 3 beschleunigt auch in – jetzt bei uns gemessenen 3,4 Sekunden – und fährt 290 Km/h in der Höchstgeschwindigkeit. Kostenpunkt: 63.000 Euro in der Basis. Welcher eine höhere Reichweite hat? Sie wissen es: Der Kia EV6 GT ist mit 424 Kilometern angegeben. Heißt: 300 Kilometer realistische Reichweite. Dachten Sie aber auch bis gerade noch, dass so ein starkes Elektroauto mit so viel Drehmoment und Leistung schneller als ein konventionell betriebenes sein müsste? Sehen Sie, da haben die Marketingabteilungen gute Arbeit geleistet. 2,3 Tonnen beim EV6 GT gegenüber 1,6 Tonnen beim Audi RS 3 machen eben doch einen nennenswerten Unterschied.

Dabei sind die Fahrzeugkonzepte unterschiedlich, die Käufergruppen ähnlich: Der Kia EV6 GT ist mehr Gran Tourismo, in der Modell-Politik höher angesiedelt (eigentlich auf Audi S5 / RS 5 Niveau), verfügt über mehr Platz – klar. Doch schielt auch der Kia in Richtung RS 3-Konsumenten: Fahrspaß, Sportlichkeit, Action. Das funktioniert nicht zuletzt über einen eingebauten Drift-Mode, den man auch im Sport-Audi wiederfindet.

Kia EV6 GT stärkstes Derivat im Hyundai-Konzern

Die Fahrleistungen des EV6 GT, der auf der Elektroplattform E-GMP (Electric-Global Modular Platform) basiert, setzen in diesem Segment dennoch Maßstäbe. Im Vergleich zum ebenfalls zweimotorigen EV6 wurde die Leistung erheblich gesteigert. Das liegt vor allem am Heckmotor des GT, der um 63 Prozent stärker ist als das hintere EV6-(Basis-)Triebwerk.

Der zweimotorige Antriebsstrang des EV6 GT wurde speziell für ein progressives Hochleistungs-Fahrerlebnis entwickelt. Der Allradantrieb gewährleistet auch unter schwierigen Bedingungen eine hohe Fahrdynamik.

Der Frontmotor, bekannt aus dem EV6, leistet 160 kW (218 PS) bei 4.400 bis 9.000 Umdrehungen pro Minute. Das Hecktriebwerk hat eine Leistung von 270 kW (367 PS, bei 6.800 bis 9.400 U/min). Insgesamt mobilisieren beide 430 kW (585 PS) und ein Drehmoment von 740 Nm. Damit liegt der EV6 GT in der Gesamtleistung um 80 Prozent über dem EV6 AWD (239 kW/325 PS, 605 Nm), der in 5,2 Sekunden auf Tempo 100 sprintet und in der Spitze 185 Stundenkilometer erreicht.

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Mehr Leistung durch zweistufigen Wechselrichter

Zur hohen Leistungsfähigkeit des EV6 GT tragen verschiedene Innovationen innerhalb des Heckmotors bei, unter anderem die „Hairpin“-Technologie der Statorspulen, die Energieverluste reduziert und das Ansprechverhalten bei hohen Geschwindigkeiten verbessert. Ein unkonventioneller zweistufiger Wechselrichter (Inverter) ermöglicht die außergewöhnliche Kraftentfaltung des Triebwerks. Das Leistungsmodul des Inverters, das den Motor steuert, arbeitet mit Siliziumkarbid-Halbleitern (SiC) und erhöht die Systemeffizienz um etwa zwei bis drei Prozent.

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Beim Heckmotor des EV6 reduziert eine externe Wasserkühlung die Temperatur des Motorgehäuses. Beim Motor des EV6 GT besitzen darüber hinaus die Spulen eine eigene Ölkühlung. Dadurch kann die Motortemperatur auch bei extremen Bedingungen sowie bei längerem Fahren mit hoher Geschwindigkeit stabil gehalten werden.

Mit weiteren Maßnahmen wirkten die Kia-Ingenieure den großen Fliehkräften entgegen sowie den Geräuschen und Vibrationen, zu denen es kommen kann, wenn der Heckmotor im Höchstleistungsbereich arbeitet. Ein verstärkter Lagerkäfig, eine spezielle Permanentmagnet-Anordnung und ein optimiertes Layout des Rotorkerns sorgen dafür, dass die auf die Motorstruktur einwirkenden Kräfte besser verteilt werden. Und der Einsatz einer neuen, zweiteiligen Rotorwelle reduziert Geräusche und Vibrationen.

Benjamin Brodbeck

Benjamin Brodbeck ist 31 Jahre alt und studierte Automobilwirtschaft bei Prof. Dr. Diez. Danach wechselte er an die Universität Wien, wo er Publizistik- und Kommunikationswissenschaften studierte und mit dem akademischen Grad 'Magister der Philosophie' abschloss. Neben seiner Tätigkeit als Jazz-Pianist bringt er seine Leidenschaft für und sein Wissen von Automobilen in Form und Sprache als Publizist bei AUTOmativ.de sowie zahlreichen weiteren Plattformen zum Ausdruck.