Sind wir wirklich bereit für die elektrische Auto-Zukunft?

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Lade-Apps, Ladekarten, Eigenheiten der Routenführung bei aktiver Zieleingabe, neue Konfigurationsmöglichkeiten des Navigationssystems, niedrige Reisegeschwindigkeiten, keine verfügbaren oder defekte Schnelllader und längere Rastzeiten – und das sogar mit einem über 130.000 Euro teuren Porsche Taycan GTS (Sport Turismo). Soll heißen: Sogar wenn man viel Geld ausgibt kann man sich kaum eine bessere Realität kaufen – außer, dass der Taycan eine phänomenale Fahrdynamik bietet. Dennoch: Als Elektro-Neuling muss man sich an die Elektromobilität gewöhnen, tatsächlich sogar eher grundsätzlich umstellen. Was dabei aber viel schlimmer ist: Der gesellschaftliche radikale Diskurs beim Thema Mobilität, der gegenwärtig geführt wird.


Vorweggenommen: Wenn es dann mal läuft sind die Reichweiten für mich nach wie vor nicht akzeptabel. 280 Kilometer stehen bei mir nach 85 Prozent Ladestand auf dem digitalen Display. Klar, ich fahre zügig. Lange nicht, wie ich eigentlich einen Porsche fahren würde, aber immerhin zügig. Heißt: 160-180 Km/h Autobahngeschwindigkeit. Wenn ich 20 Kilometer Restreichweite (bei mir rund 4 Prozent Restladestand) einkalkuliere, komme ich nur noch 260 Kilometer weit bis zur nächsten Ladestation.

Das geht mit einem Kia EV6, den Benjamin ausführlich getestet hat, genau so gut. Klar, ist dann eben kein Porsche, aber fährt sich auch ordentlich sportlich (leider bei Weitem nicht so gut wie der Taycan), aber er scheint laut Benjamin durchaus nah dranzukommen.

Da stellt sich mir jetzt die Frage: Warum kauft man sich ein über 500 PS starkes Auto für über 130.000 Euro, mit dem man aber – sofern man diese 500 PS auch auskosten möchte – mit dieser Fahrweise nicht weit kommt. Würde ich den Porsche Taycan GTS also permanent über 180 Km/h fahren (wie ich es beispielsweise mit einem Panamera Turbo oder 911 GTS machen würde und auch schon gemacht habe), wäre ich froh, wenn ich mit dem Taycan 150 Kilometer weit kommen würde. Dann wieder 20 Minuten laden und dann wieder weiter: Das macht doch keinen Spaß?!

Porsche Taycan GTS Sport Turismo mit 380 kW AUTOmativ.de Test 1 270x360 - Sind wir wirklich bereit für die elektrische Auto-Zukunft?
Die Zukunft ist jetzt – und sie ist cool. Nur die Sache mit der Reichweite und mit dem Laden ist eben für viele doch noch ein Hemmnis. Auch wenn es ein wiederkehrendes und „olles“ Thema ist. Es ist noch nicht gelöst.

Spaß macht es dann, wenn man nicht immer Langstrecken fährt, schon klar. Der Taycan GTS fährt sich brutal präzise. Hat einen niedrigen Schwerpunkt und lenkt so präzise ein – WIRKLICH – wie ein Go-Kart. Kein Vergleich zum Panamera. Aber Langstrecke? Ich hoffe auf die kommenden Jahre, wenn die Akkutechnologie sich weiterentwickelt. Vielleicht sind ja irgendwann dann wirklich 500 Kilometer drin. Mal sehen.

Der Porsche Taycan GTS war mein Aufhänger für dieses sonntägliche Thema. Um den Bogen zur Lage bei der E-Mobilität allgemein zu spannen: Neben Elektro-Radikalos und auch Elektro-Verweigerer beobachte ich immer mehr einen absoluten Spaltungstrend. Ich kann beim besten Willen nicht verstehen, warum man nicht beide Seiten kritisieren – aber auch loben lässt. Einige sind überzeugt, einige eben (noch) nicht. Und werden es womöglich auch lange nicht sein. Das ist ganz normal bei einem derartigen Thema.

Was ich oben beschreibe ist meine ganz persönliche Erfahrung auf Basis meines Nutzungsverhaltens in Kombination mit dem Verständnis, was für mich ein Porsche ist und für mich leisten soll. Natürlich sehen das andere Menschen anders. Aber ich sehe es eben so.

Radikal sein hat die Menschheit noch nie weitergebracht – im Gegenteil. Offen sein für Technologien, für einen Mix an Alternativen: Das bringt uns weiter. Deswegen erhoffe ich mir für die unmittelbare Zukunft: Offenheit, weiterhin zuhören, weiterhin Alternativen offen lassen. Ich spreche bewusst allgemein, meine es aber konkret. Haben Sie noch einen wunderbaren Sonntag.

Mia Iannotta

Mia ist seit Mitte 2015 das italienische und - viel wichtiger - weibliche Herz von AUTOmativ.de. Ohne ihre unregelmäßigen Artikel wäre das Magazin lebloser und langweiliger. Mia lebt die meiste Zeit des Jahres im Großraum Rom, den Rest verbringt sie irgendwo anders. Warum sie manchmal über Automobile schreibt? Nun, als wir sie auf der Mille Miglia beobachteten, wie sie sich um die Alfisti kümmerte, konnten wir einfach nicht widerstehen.