Verbrenner-Aus für 2035: Passt da noch der Formel 1-Einstieg für den VW-Konzern?

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Verbote begleiten uns durch unser ganzes Leben. Kontinuierlich werden es mehr. Das liegt zum einen an der Dreistigkeit mancher Akteure, ganz gleich ob Einzelpersonen, Gesellschaften, Vereine oder Unternehmen. Und zum anderen liegt das an der immer komplexer werdenden Welt. Sie wächst ständig, die Bevölkerung wächst – die Weltwirtschaft schließt sich an dieses Wachstum an. Und natürlich wächst damit auch der Ausstoß von Schadgasen, allen voran Kohlenstoffdioxid. Die Reduktion dessen gilt es zu vermindern. Und scheinbar schlägt zumindest die Europäische Union den Weg der Verbotsstrategie an: Allen voran im durchaus populärsten und öffentlichkeitswirksamsten Sektor, dem automobilen Verkehr. Obwohl dieser ja – wir wissen es – bei Weitem nicht der größte Verursache ist. Und schon gar nicht in der EU. Dennoch befürworten Mercedes und VW dieses „Verbrenner-Verbot“ ausgesprochen. Warum beinhaltet die VW-Strategie aber den Einsteig in die Formel 1?


Das Auto ist schon jahrzehntelang, spätestens aber nach der Dieselkrise von Volkswagen, Mercedes-Benz, PSA und FCA (jetzt Stellantis) steht es im Fadenkreuz der Politik – vor allem aber der grün angestrichenen Parteien, Vereine, Vereinigungen und Wortführer. Von „das Auto muss weg“ über „Tempolimit von 130 Km/h und am liebsten 20 Km/h in Städten“ bis hin zu „alle Verbrennungsmotoren müssen am Besten bis morgen ersetzt werden“ ist alles dabei. Über die strategische Sinnhaftigkeit dieser Forderungen für unser Klima und unsere Erde lässt sich hier an einigen Stellen mehr als nur streiten. Aber darum soll es hier jetzt nicht gehen. Schließlich wurde die Entscheidung im EU-Parlament getroffen: Ab 2035 dürfen keine Verbrenner mehr verkauft werden.

Doch diese Entscheidung alleine hat momentan noch kaum Durchschlagskraft. Mit den einzelnen Ländern muss dies noch besprochen und weiter ausgearbeitet werden. Volker Wissing, deutscher Verkehrsminister hat beispielsweise schon angekündigt, dass dieses Verbot so und in dieser Form mit ihm nicht durchgesetzt werde. Immerhin gehe es auch darum den Fahrzeugbestand nachhaltig zu machen. Und das funktioniert nur mit nachhaltigen Kraftstoffen. Hier ist die Energiewirtschaft gefragt – es gilt, genau diese dafür weiterhin zu motivieren. Denn eines ist klar: Auch wenn ab 2035 kein einziger Verbrenner mehr verkauft würde, sie werden aus dem Straßenbild nicht auf einmal verschwinden.

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Eine Art des Reisens, die auch ihr mir vorstellen könnte. Nicht nur, aber eben in einem gesunden Mix. Doch Bevormundung durch ahnungslose EU-Parlamentarier, die nur Populismus betreiben und auf Stimmenfang gehen, verabscheue ich.

Und selbst wenn die Mehrheit im Jahr 2035 E-Fahrzeuge wären, fahren die konventionell angetriebenen Autos in den anderen Regionen der Welt noch jahrzehntelang weiter. Die entscheidende Frage wird sein: Mit welchem Kraftstoff fahren sie weiter? Schaffen wir es bis dahin den Anteil an E-Fuels so zu erhöhen, dass es signifikante Auswirkungen auf die Bilanz hat? Schaffen wir es mit Massen an Elektrofahrzeugen schneller? Halten Elektrofahrzeuge so lange wie heutige, konventionell angetriebene Fahrzeuge? Die Kapazität meines iPhone-Akkus ist nach 2 Jahren schon auf 80 Prozent gesunken – will ich das als Kunde eines Autos, dass die Kapazität, sprich die Reichweite meines E-Autos, kontinuierlich schlechter wird? Fragen über Fragen, die gestellt – und auch nach wie vor ehrlich beantwortet werden müssen.

Überhaupt nichts gegen Elektroautos – ganz im Gegenteil – unser letzter Testwagen, der Kia EV6 war fantastisch. Aber in dieser ganzen Debatte rund um Verbote und Verbrenner fehlt mir der gesunde Menschenverstand. Und die Verhältnismäßigkeit. Niemand glaubt doch wirklich, dass mit einem Verkaufsverbot von konventionell angetriebenen Fahrzeugen ab 2035 die Erde gerettet wird. Oder? Die E-Autos werden dann in großen Teilen Europas mit Atomstrom geladen, den wir teuer von unseren Nachbarländern einkaufen werden, weil bis dahin der Ausbau der Windräder zwar weiterging, aber nicht in der Fülle, dass wir damit unsere E-Autos laden könnten. Dabei ist zwar das Ziel erreicht, Kohlenstoffdioxid einzusparen, aber wollten wir nicht eigentlich weniger Atomstrom, mehr nachhaltig erzeugte Energien und weniger gefährlichen Sondermüll, Stichwort E-Auto-Akkus?

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Aber es geht noch weiter: Während die EU-Parlamentarier gegen den konventionellen Antrieb ab 2035 entscheiden – und Mercedes-Benz und Volkswagen, allen voran Audi-Chef Markus Duesmann die Entscheidung sogar sehr begrüßen – plant man im Volkswagen-Konzern mit den Marken Audi und Porsche den Einstieg in die Formel 1. Formel 1? Die Königsklasse der Verbrenner-Rennwagen? Auch wieder nichts gegen die Formel 1, aber wie passt das zusammen?

Antwort: Garnicht. „Wir machen Formel 1 um Geld zu verdienen“, sagte VW-Konzernchef Herbert Diess vor ein paar Wochen. Ja, die Formel 1 kann lukrativ sein. Aber nur wenn man ganz vorne mitfährt. Sonst kann sie schnell auch zum Milliardengrab werden. Und das ist nicht all zu unwahrscheinlich bei zwei Herstellern des VW-Konzerns – Audi und Porsche – die nahezu keine Erfahrung in der Formel 1 vorweisen können. Zumindest bei Audi gestaltet sich auch die Partnersuche schwierig. Ein Versuch, mit dem britischen Rennstall McLaren zusammenzukommen, scheiterte an den Briten. Verständlich. Schließlich hat der ein oder andere McLaren-Mitarbeiter nicht nur gute Erinnerungen an die Großkonzern-Zeit zusammen mit Mercedes-Benz. Audi bzw. Volkswagen dürfte hier nicht viel anders vorgehen und den Briten „ihre Sicht der Dinge unmissverständlich aufbürden“.

Was mir bei dieser Sache nicht aus dem Kopf geht: Man begrüßt die EU-Entscheidung seitens jener Konzerne, die vor ein paar Jahren für diesen Kampf gegen das Auto verantwortlich waren. Die das gesellschaftliche Fadenkreuz auf das Automobil gerichtet haben. Die jetzt aus Prestige-Gründen in die Formel 1 gehen, die mit vordergründiger Nachhaltigkeit nicht wirklich viel am Hut hat. Und jetzt schwimmen sie mit bei der Verbots- und Bevormundungspolitik?

Die Antwort liegt in Planungssicherheit: Planungssicherheit für die E-Mobilitätsstrategie, die teuer ist, die viele Milliarden verschlingt. Wenn die Politik hier nicht genau diese Rahmenbedingungen setzt, die jene Unternehmen für Ihren Absatz benötigen, ist das Risiko hoch, dass in Wolfsburg und in Stuttgart die Lichter ausgehen. Hier zählt, wer die größte Lobby mit der stärksten Überzeugungskraft hat. In gewisser Weise ist das Arbeitsplatz-, Standort- und Existenzsicherung. Und das ist auch gut so. Aber ist das die richtige Entscheidung im Sinne der gesellschaftspolitischen Entwicklung unserer Erde? Müssen zuvor eigentlich nicht ganz andere Fragen geklärt werden (siehe oben)? Ich könnte jetzt noch viel schreiben dazu wie stark sie die Automobilindustrie in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat hinsichtlich Effizienz und Nachhaltigkeit. Und wie sehr – im Vergleich dazu – sich die Ölindustrie entwickelt hat. Nämlich garnicht. Im Prinzip holt sie seit hundert Jahren Öl aus dem Boden und packt es in die Zapfsäule. Keine Technologiefortschritte am Produkt. Dabei ist der Kraftstoff so zentral in der Diskussion rund um das Automobil – mehr noch: Rund um den Verkehr allgemein.

Bis 2035 ist es noch weit. Es bleibt zu hoffen, dass bis dahin vernünftige Menschen vernünftige Entscheidungen treffen. Radikal zu sein und nur einen Weg zu gehen – alles nicht bis ans Ende durchdacht – ist gefährlich und wird auch so nicht funktionieren.

Ich bin froh, dass zumindest Porsche – als Volkswagen-Tochter – zusammen mit Siemens weiterhin an regenerativen Kraftstoffen arbeitet. Und Porsche ist glücklicherweise auch nicht der einzige Autohersteller, der sich dessen annimmt. Klar ist auch und zur Wahrheit gehört, dass momentan diese Mengen an E-Fuels nicht lieferbar sind. Aber bei steigenden Kraftstoffpreisen dürften die Anreize immer höher werden, auch E-Fuels an die Tankstelle zu bringen. Am Anfang als Beimischung – und irgendwann vielleicht sogar als reine Sorte. Damit wären einige Probleme auf einen Schlag gelöst.

Eine kurzes Gedankenspiel noch: Ich bin kein Freund von „Hätte-wäre-wenn“, aber hätte man von Anfang an weltweit so viele Ressourcen in die Entwicklung regenerativer Kraftstoffe gesteckt, wie man in die Strategien der Elektromobilität investiert hat, wo würden wir heute stehen?

Wie war Ihre Woche? Und was denken Sie über die Entscheidung, Verbrennungsmotoren ab 2035 komplett zu verbieten? Schreiben Sie es mir an BB @ AUTOmativ.de.

Benjamin Brodbeck

Benjamin Brodbeck ist 31 Jahre alt und studierte Automobilwirtschaft bei Prof. Dr. Diez. Danach wechselte er an die Universität Wien, wo er Publizistik- und Kommunikationswissenschaften studierte und mit dem akademischen Grad 'Magister der Philosophie' abschloss. Neben seiner Tätigkeit als Jazz-Pianist bringt er seine Leidenschaft für und sein Wissen von Automobilen in Form und Sprache als Publizist bei AUTOmativ.de sowie zahlreichen weiteren Plattformen zum Ausdruck.