1.800 Km und 550 Euro mit Bahn und Bus: Ein Plädoyer für das Auto

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Auf gar keinen Fall will ich mit diesem Wochenrückblick gegen die Deutsche Bahn bashen. Sie hat es “im Moment” wieder Mal (suchen Sie sich was aus) schwer. “Wir sind jetzt wieder auf dem Niveau von vor Corona bzgl. des Zug-Chaos” erzählte mir die ausgesprochen freundliche und bemühte Lounge-Diensthabende. “Das ist auch für uns schlimm, weil wir unsere tägliche Arbeit gut machen wollen, aber wir müssen Tag für Tag mehr mit missgelaunten Passagieren kommunizieren und sie besänftigen – das geht an uns auch nicht spurlos vorbei”, führt sie weiter aus. Kann ich mir vorstellen. Nicht schön andauernd nur mit Beschwerden konfrontiert zu sein. Aber die Bahn bekommt es einfach nicht hin. Trotz (oder gerade weil) Staatsbeteiligung und schon lange geplanter Nah- und Fernverkehrsoffensive. Ein Test des öffentlichen Netzes.

Aber es geht nicht nur um die DB, es geht um das gesamte öffentliche Beförderungsnetz. Und das ist eine volle Katastrophe – hinsichtlich Digitalisierung (im Internet recherchieren während der Fahrt kaum möglich), Nutzerfreundlichkeit, Logik, Preisen – und das selbst mit dem teuersten ICE-Ticket für 550 Euro für rund 1.800 Kilometer ÖPV. Eines steht fest: Meine nächsten Fahrten mache ich wieder mit dem Auto, trotz wieder vollen Straßen und ebenso Verzögerungen. Aber ich habe zumindest meinen garantierten und privaten “First-Class-Sitzplatz”.

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Wer kennt es noch, das Problem mit den Sitzplatzreservierungs-Anzeigen? Ein Sitzplatz ist reserviert, wird aber nicht angezeigt. Ein digitales Projekt, dass IT-Firmen angehen könnten und dass man wahrscheinlich relativ schnell lösen würde.

Immer ist irgendetwas

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F1-Champion und Nachhaltigkeits-Guru Nico Rosberg im Selfie-Modus auf dem Greentech-Festival. Ob Anzug und Rolex auch einen Nachhaltigkeits-Preis bekommen würden?

Braunschweig – Berlin. Warum nicht zum Greentech-Festival mit dem Zug fahren und das mit einer Dienstreise in den Süden nach Stuttgart-Feuerbach am selben Abend verbinden? Klimaneutral unterwegs zu sein und dabei noch entspannt während der Fahrt arbeiten und/oder ausruhen – das klingt doch toll. Und das macht Greentech-Festival Mitgründer, Selfie-Rolemodel und Monegasse mit Sicherheit genau so (NICHT).

Ist ja schließlich alles für eine bessere Zukunft. Weil ich ja für mehrere Tage unterwegs bin habe ich noch einen Handgepäck-Roll-Trolley mit Laptoptasche dabei. 

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Die Begründungen der Deutschen Bahn für Verspätungen sind vielfältig. Ob diese hier gestimmt hat?

“Aufgrund von Personen im Gleis können wir unsere Fahrt aktuell nicht fortsetzen. Die Bundespolizei sucht die Strecke ab – wir haben voraussichtlich eine Verzögerung von 45 Minuten”, ertönt aus den Lautsprechern des ICE nach Berlin. Okay, dafür kann die Bahn nichts, trotzdem ärgerlich, denn damit sind geplante Anschlüsse weg, Zeiten verzögern sich. Ist eben so, (noch) kein Problem. Dei zeitliche Einschätzung stimmte immerhin ziemlich genau.

Die Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln bei 35 Grad Außentemperatur und zwei Gepäckstücken ist nicht komfortabel – dessen war ich mir auch schon im Voraus bewusst. Zum mittlerweile inaktiven Flughafen Tegel bei aktiver Messe und entsprechendem Zustrom zu kommen ist allerdings weit weg von komfortabel.

Naja, was soll’s, was macht man nicht alles für die Umwelt: Mit dem ersten Bus nicht mitgekommen wegen Überfüllung, fuhr der nächste Zubringer zum Greentech-Festival gleich 20 Minuten später. Zu viele Busse wären jetzt auch nicht nachhaltig gewesen. Dann lieber die Leute nach dem Prinzip des dreisteren Ellenbogens auswählen und nach dem Viehwagon-Prinzip transportieren (wenn die Deutschen etwas richtig gut können, dann das). Kann ja nicht jeder das Privileg erhalten, einigermaßen pünktlich auf das Festival zu kommen. Und Jets nimmt – wie das immer so ist in einer vermeintlich sozial-nachhaltigen Denke – die Obrigkeit (Hi, Nico). Gibt ja CO2-Zertifikate als Ausgleich für das nicht vorhandene schlechte Gewissen. 

Schwamm drüber: Das Greentech-Festival war Greenwashing par excellence, wie auch die geschätzte Kollegin Theresa Rauffmann für die Wirtschaftswoche schrieb. Die grundsätzliche Linie und Positionierung ergab nicht nur für mich überhaupt keinen Sinn.

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Alles schön und gut, damit man auf dem Laufenden gehalten wird. Aber wieso merkt die App nicht, dass ich NICHT an Bord sitze und lässt dann die alternative Routenplanung nicht mehr zu? Auch das könnte man digital besser machen.

Nächster Halt: Stuttgart-Feuerbach. Noch während ich auf dem Festival war, bekam ich über die Deutsche Bahn App “Navigator” den Hinweis, dass ich meinen Anschlusszug nicht erreichen werde. Prima, wenigstens weiß ich schon jetzt, dass meine Reise wieder in Stress ausarten wird. Und so kam es auch: Trotz Erste-Klasse-Ticket Anschlusszug in Mannheim verpasst, die alternative Verbindung weiter nach Stuttgart: über eine Stunde später. Begründung diesmal laut App: “Notartzeinsatz auf der Strecke”. Quizfrage: Was macht die DB Lounge ab 21:30 Uhr? Ist geschlossen! Ja, kein Witz. Gerade abends wo es ungemütlich an deutschen Bahnhöfen werden kann (nur eine These – wer alles liebt es spät abends dort?) macht die Lounge zu. Ich wollte doch nur eine Cola und kurz mal Ruhe.

Also teuerstes Ticket in der Tasche, reservierten Platz verloren und spät abends in Mannheim mit zwei Gepäckstücken nach einem unnötigen Tag in Berlin (ok, überflüssiges Adjektiv, weißer Schimmel und so) mit 35 Grad Hitze auf dem Bahnsteig wartend. Jetzt sagen Sie: Es ist nur ein bisschen mehr als eine Stunde, der verwöhnte Schnösel soll sich nicht so haben. Ja, vielleicht soll ich mich auch einfach nicht so haben. Aber, doch, ich habe mich so. Ich habe immerhin über 550 Euro für 3 Zugfahrten gebucht. Nicht dafür, sorry, echt nicht.

Es kam noch viel besser

Aber – ohne Witz – das war nur die Qualifikationsrunde. Auf der Rückfahrt zurück nach Braunschweig am Samstag Vormittag (Wochenende Olé) kam gleich am Morgen die Push-Mitteilung in der App (Sie ahnen es): „Anschlusszug wahrscheinlich nicht erreichbar“. Naja und so kam es auch. Begründung diesmal: “Reparatur am Zug”. Na klar. Kurzum: Wieder in Mannheim gestrandet.

5,90 Euro für Erste-Klasse-Sitzumbuch

Wussten Sie es? In der App kann man seinen Sitzplatz auf einen neuen Zug nicht umbuchen wenn man seinen Anschlusszug verpasst hat. In der Lounge können Sie es auch nicht, aber wohl im Reisezentrum. DB Reisezentrum: Dort, wo Hobbybeamte arbeiten. Es fängt an mit Nummer ziehen. Und das bei 16 Schaltern, davon 5 besetzten und 3 Hans-Guck-in-die-Luft-Beamten – also “freien”, ohne Kundschaft. Trotzdem heißt es für uns 2 Wartenden: warten. Macht nichts, Alternativzug geht ja erst in 10 Minuten. 

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Wenn der ICE einmal fährt, dann ist es ein schönes Fahren – zumindest meistens. Aber bis er fährt ..

Endlich, ich als First-Class-Kunde wurde vorgezogen. Aber eine Sitzplatzumbuchung aufgrund verpasstem Anschlusszug mit Flex-Business-Erste-Klasse kostet 5,90 Euro. Ja, richtig gehört. Begründung des DB-Reisezentrums: In meinem Ticket sei ja nur eine Sitzplatzreservierung kostenlos dabei gewesen. Bei erneuter Reservierung müsse ich Gebühren bezahlen. Ist klar. Ist klar? Ist eine bodenlose Frechheit. Ich erinnere an den Ticket-Gesamtpreis.

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Kein Bahnhof ohne Baustelle – oder defekte Rolltreppen.

Nicht aufregen, einfach in den Zug setzen. Habe ich gemacht. Durchsage im Zug kurz nach Platz nehmen: “Wir haben soeben die Info bekommen, dass sich Personen im Gleisbett befinden, unsere Fahrt verzögert sich um voraussichtlich 35 Minuten.” Super, dann würde ich also mit jenem Alternativzug meinen Alternativ-Anschluss in Fulda verpassen. Also nichts wie raus – und wieder zurück in die Lounge. Die App “Navigator” denkt derweil, dass ich im ursprünglichen Zug sitze und bietet mir schon lange keine Alternativverbindungen mehr an. Der Button ist weg.

Also nehme ich den darauffolgenden Zug. Natürlich mit Verspätung, wenn auch nur 10 Minuten. Aber zum Glück eine Direktverbindung. Begründung laut App diesmal: “Reperatur an der Weiche”. Ja klar.

Das nächste Mal wieder Auto

Im Ruhebereich laut und stundenlang telefonieren, gefühlt 10 Stunden sein 0,1-Liter-Wasser trinken um die Maske nicht aufsetzen zu müssen, Schniefen, Husten, Niesen, unappetitlich essen, den Müll des Vorgängers wegräumen – das spiegelt darüber hinaus nicht die Deutsche Bahn wider, sondern unsere Gesellschaft. Zusätzlich zu dem Reise- und Mobilitätsärger kommen – Entschuldigung – Asoziale hinzu.

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Ich erwarte keinen Luxus in der DB Lounge. Aber ein bisschen annähern an Flughafen-Lounges könnte die Deutsche Bahn sich schon.

Die Bahnhöfe verfügen nicht nur oftmals über einige Stufen und ausgefallene Rolltreppen, sie sind auch einfach nicht schön. Kein Ort zum Wohlfühlen. Für die DB Lounges gilt ähnliches: Meist ungepflegte Räume, die nicht zum Wohlfühlen einladen. Wenn Zug fahren weiter so unattraktiv und gleichzeitig teuer bleibt, fahre ich keinen Zug mehr – sondern fliege oder fahre mit dem Auto. Das habe ich mir jetzt wirklich vorgenommen – keine Lust mehr. Eine App, die funktioniert bzw. Digitalisierung, die Spaß macht: Das würde schon viel ausmachen.

Wie war Ihre Woche? Schreiben Sie es mir gerne!

Benjamin Brodbeck

Benjamin Brodbeck ist 32 Jahre alt und studierte Automobilwirtschaft bei Prof. Dr. Diez. Danach wechselte er an die Universität Wien, wo er Publizistik- und Kommunikationswissenschaften studierte und mit dem akademischen Grad 'Magister der Philosophie' abschloss. Neben seiner Tätigkeit als Jazz-Pianist bringt er seine Leidenschaft für und sein Wissen von Automobilen in Form und Sprache als Publizist bei AUTOmativ.de sowie zahlreichen weiteren Plattformen zum Ausdruck.