Autodiebstahl mit Keyless-Systemen: Steht das autonome Fahren vor einer Krise?

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Autodiebstahl leichtgemacht: man benötigt lediglich ein Gerät, das das ausgesendete Funksignal des Fahrzeugschlüssels mit Keyless-Go-Funktion ausliest und ein zweites Gerät, das dieses Signal daraufhin wieder an das Ziel-Fahrzeug sendet. Beides bekommt man auf diversen Märkten für unter 1.000 Euro. Ob im Supermarkt an der Kasse, im Theater oder sogar, wenn der Schlüssel hinter der Eingangstür des eigenen Hauses liegt: jeder von uns kann an diesen Orten spielend zum Autodieb werden. Fast jeder Hersteller ist von dieser enormen Sicherheitslücke betroffen, scheint sie aber noch nicht ganz ernst zu nehmen. Doch was noch viel beunruhigender ist: wenn es Fahrzeughersteller nicht einmal bei einer so eindimensionalen technischen Funktion schaffen, volle Sicherheit zu gewährleisten, wie wollen sie dann Sicherheit beim hochkomplexen autonomen Fahren garantieren?


Autodiebstahl mit „Funkwellenverlängerer“ und ohne Schaden am Auto

Das Prinzip ist so einfach, dass es ein sogar Kindergartenkind versteht: das Signal, das der Schlüssel mit Keyless-Go-Funktion permanent aussendet, um in dem Moment, in dem der Fahrer vor seinem Auto steht, auch erkannt zu werden, wird durch ein spezielles, aber relativ unkompliziertes Gerät abgefangen.

Ein weiteres Gerät sendet dann dieses aufgenommene Abbild der Funkfrequenz einfach wieder aus. Die Systeme des Fahrzeuges empfangen also das „gefälschte“ Originalsignal, öffnen die Türen und starten den Motor. Wenn das Auto dann weit über die Grenze im osteuropäischen Hinterhof steht, können Spezialisten sogar einfach einen neuen Schlüssel an das Auto anlernen. So kann man ohne großen Aufwand und ohne Schaden an den Fahrzeugen einen lukrativen Zweitmarkt aufmachen.

Fast alle Hersteller verbauen gleiches System, nehmen das Problem bislang aber nicht ernst

In einer Reportage von SternTV, die am vergangenen Mittwoch auf RTL live gesendet wurde, knackten Experten auf diese Weise ausgewählte Autos ihrer erstaunten Zuschauer – ein Auto fuhr sogar ins Studio. Ihre beiden Besitzer waren ziemlich .. erstaunt.

Viel wichtiger ist in solchen Fällen aber die Reaktion der Hersteller: SternTV schickte den Pressestellen der meisten betroffenen Hersteller Anfragen und klärte sie über dieses Problem auf. Was zurück kam war ziemlich ernüchternd: von „wir arbeiten stets an der Sicherheit unserer Systeme und versuchen potenziellen Angriffen immer einen Schritt voraus zu sein“ bis hin zu „wir sind uns bewusst, dass es unter besonderen Umständen und günstig liegenden externen Faktoren zu einer Diebstahl-Problematik kommen könnte, halten dies aber für unglückliche Einzelfälle.“

Jetzt einmal Klartext: das sind weder unglückliche Einzelfälle noch können Hersteller der organisierten Kriminalität einen Schritt voraus sein. Es gilt und wird in Zukunft – besonders im Technologie- und IT-Bereich immer gelten, dass Hacker immer einen Schritt voraus sein werden. Daran wird sich nie etwas ändern. Wir erinnern uns nur ein paar Monate zurück, als Hacker die grundlegendsten Funktionen eines fahrenden Autos auf der Autobahn übernehmen konnten.

Klar ist es supercool, sich von seinem Auto fahren zu lassen, ABER!

Der fortwährend erzählte Traum des ehemaligen Vorstands für Entwicklung bei Daimler, Prof. Dr. Thomas Weber, war immer, sich nach dem Abendessen – oder einem harten Bürotag – hinten ins Auto zu setzen und morgens ausgeschlafen am Gardasee anzukommen. Ja, auch ich, der normalerweise nur für einen Mindeststandard an Elektronik in seiner unmittelbaren Umgebung plädiert (denn Elektronik ist IMMER anfällig, nicht nur unter Sicherheits-Aspekten) und mittlerweile auch nicht mehr so unglaublich gerne weite Strecken auf der Autobahn zurücklegt, kann diesem Gedanken unter bestimmten Umständen nicht widerstehen.

Doch eines ist doch klar: das autonome Fahren ist so hochgradig komplex und wird von einer Anzahl an externen und internen Faktoren bestimmt, die man kaum aufzählen kann, dass darunter bestimmt einige Funktionen fallen, die auch anfällig für solch eine einfache Manipulation sind. Und selbst, wenn es nur eine Funktion ist – das reicht ja schon aus. Was man damit dann alles anstellen könnte will ich mir jetzt noch nicht konkret ausmalen. Wenn die Hersteller auch dann alles relativieren, Gute Nacht. Fahrzeuge zu stehlen ist die eine Sache, bei der in der Regel niemand gesundheitlich zu Schaden kommt. Beim autonomen Fahren sprechen wir hier gleich ganz schnell von Personenschäden – und das in einer Zeit des Terrors bei uns in Europa. Ja, auch der IS hat Hacker.

Die zentrale und alles entscheidende Frage ist doch: wollen wir unseren steigenden Anspruch auf Komfort gegen ein wachsendes Sicherheits-Risiko Stück für Stück eintauschen? Und: bringt uns dieser Komfort denn so weit voran? Warum wollen wir uns autonom fahren lassen? Weil wir diese „geschenkte“ Zeit dann besser nutzen können, um noch intensiver und länger zu arbeiten?

Ich übergebe an den Philosophen.

Benjamin Brodbeck

Benjamin Brodbeck ist 29 Jahre alt und studierte Automobilwirtschaft bei Prof. Dr. Diez. Danach wechselte er an die Universität Wien, wo er Publizistik- und Kommunikationswissenschaften studierte und mit dem akademischen Grad 'Magister der Philosophie' abschloss. Neben seiner Tätigkeit als Jazz-Pianist bringt er seine Leidenschaft für und sein Wissen von Automobilen in Form und Sprache als Publizist bei AUTOmativ.de sowie zahlreichen weiteren Plattformen zum Ausdruck.

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