Kehrt die Carrera GT Philosophie zurück? Porsche setzt beim Mission S auf mehr Fahrerfokus – und Selbstkontrolle
Nimm das, EU: Während Politiker der Europäischen Union in Brüssel und Straßburg immer weiter an der aktiven Überwachung der Fahrer und Insassen von Autos arbeiten und ihre Zeit mit dem Entwerfen von immer neuen Ideen und Regularien zur Kontrolle von Fahrzeugherstellern und -haltern nutzen, setzt Porsche mit dem Zukunfts-Prototypen Porsche Mission S, der vor ein paar Tagen in New York City vorgestellt wurde, auf mehr Eigenverantwortung, Fahrerorientierung und Fahrdynamik-Fokus – für seine Kunden. Jetzt zeigen neue Bilder den mindestens 500.000 Euro teuren und ab 2028 erhältlichen Porsche Mission S auf New Yorks Straßen. Wir haben weitere Infos zu den möglichen technischen Daten des geplanten Serienmodells.


Der Tesla Roadster hebt ab, der Porsche Mission S rollt durch New York: Zwei neue Supersportwagen-Entwürfe, zwei sehr unterschiedliche Antworten auf die Frage, was ein sportliches Auto der Zukunft können soll. Tesla setzte bei der Vorstellung seines Roadsters auf eine spektakuläre Vorführung mit Schubdüsen. Porsche zeigt den Mission S dagegen in einer Umgebung, die den Blick auf das Auto, seine Mechanik, sein Heritage selbst lenkt: Die neuen Bilder aus New York machen deutlich, wie sich die Studie im Straßenbild behauptet – und rücken einen Gedanken in den Vordergrund, der sich durch ihr ganzes Konzept zieht: Der Mensch am Lenkrad soll nicht nur Passagier eines technischen Systems sein. Er soll wieder stärker Fahrer sein.

Ein roter Knopf als Bekenntnis zum Fahrer
Am klarsten zeigt sich dieser Anspruch im Cockpit. Auf dem Lenkrad unterhalb des Pralltopfes sitzt mittig ein roter Knopf mit der Aufschrift „On Your Own“. Wer ihn betätigt, soll alle Fahrerassistenzsysteme direkt abschalten können. Die Botschaft ist ungewöhnlich direkt: Der Fahrer kann sich bewusst für ein unvermittelteres Fahrerlebnis entscheiden, statt sich durch Menüs und Untermenüs zu arbeiten. Porsche beschreibt den Knopf als bewusste Entscheidung. Er soll für „Fahrspaß in seiner reinsten Form“ stehen. Ohne das Auge der Behörden und Kommissionen.
Der rote Knopf steht dabei auch als bewusstes Gegenzeichen zu einer Mobilität, die immer stärker von Sensoren, Warnhinweisen und vorgeschriebenen Assistenzsystemen geprägt wird – auch durch die Bürokratie in der Europäischen Union (EU). Denn die Zahl der Systeme, die das Verhalten am Steuer beobachten, bewerten und/oder kommentieren, wächst stetig.
Eine neue Antwort auf die Supersportwagen-Tradition
Vor diesem Hintergrund bekommt „On Your Own“ eine politische Dimension: Während Tesla mit seinem Roadster auf Raketenantrieb und spektakuläre Flugmanöver setzt, formuliert Porsche eine andere Provokation: Der Fahrer soll selbst entscheiden können, wie viel Unterstützung er möchte. Also genau das Gegenteil dessen, was Politik und Staat möchten. Damit ist die rote Taste auch eine Vertrauensbekundung an die Kunden von Porsche: Die Marke überlässt ihnen die Entscheidung, wie viel Unterstützung sie nutzen möchten – und wie viel Verantwortung sie selbst übernehmen. Verrückt in diesen regulatorischen Zeiten.

Dieser Ansatz erinnert an die anspruchsvolleren Porsche-Supersportwagen der Vergangenheit, allen voran den Carrera GT. Dessen Fahrer sollte gefordert, aber nicht überfordert werden, wie Porsche rückblickend die Entwicklungsarbeit beschreibt. Genau in diesem Spannungsfeld könnte auch der Mission S stehen, wenn auch nicht ganz so extrem: Ein Auto, das seine Technik nicht versteckt, sondern den Fahrer spüren lässt, dass er selbst Teil des Geschehens ist. Und nicht Teil eines elektrischen, software-definierten Systems.
Erweiterte Porsche 911 Plattform
Auch im Design verbindet der Mission S Bekanntes mit einer neuen Formensprache: So versucht Porsche in seiner Kommunikation Anleihen an den Porsche 911 hervorzuheben – so wie beispielsweise die runden Scheinwerfer, die ausgeprägten Kotflügel oder die Seitenfensterlinie. Diese Anleihen sind aber nicht zufällig gewählt oder gar eine Reminiszenz, sondern deswegen vorhanden, weil der Prototyp Mission S Prototyp grundsätzlich auf der Porsche 911 Plattform basiert.
Denn es fällt darüber hinaus auch auf, wie vertraut einige Proportionen wirken: die Form der hinteren Seitenfenster samt Umrandung und die Gestaltung des Hecks unterhalb der äußeren Karosseriehülle sind klar auf einen Porsche 911 zurückzuführen. Gleichzeitig ist die Silhouette deutlich breiter und flacher, mit stark modellierten Flächen und geschwungenen Übergängen. Am Heck erhält die Karosserie dadurch eine eigene Schichtung. Die äußere Hülle spannt sich über die darunterliegende Grundform, die weiterhin an den 911 erinnert. Das verleiht dem Mission S eine ungewöhnliche Tiefe und lässt ihn zugleich wie eine moderne Weiterentwicklung jener Porsche-Rennsportwagen wirken, die ihre Straßenbasis kaum verleugneten.
Ähnlich wie beim 911 GT1 von 1996 oder beim 911 RSR von 2017 hat man den Boxer-Achtzylinder-Biturbomotor vor die Hinterachse geschoben. So wird aus einem – ganz einfach und reduziert gesagt – 911 mit Bodykit und Lufthutze auf dem Dach ein Supersportwagen mit Mittelmotorkonzept.

Porsche jedenfalls spricht offiziell von einer neuen Mittelmotor-Supersportwagenplattform oberhalb des 911. Wir sagen: die neue Mittelmotor-Supersportwagenplattform entsteht auf Basis der 911 Plattform. Man kann sich das in etwa so vorstellen, wie beim Porsche 935 „Moby Dick“ oder dem 911 GT1. Das sind Porsche-Rennsportmodelle, bei denen der 911 die Basis lieferte. Die Karosserie wurde angepasst, die Technik allerdings komplett verändert.
Mittelmotor statt Heckmotor: Was bisher bekannt ist
Der klassische Heckmotor kommt in dieser Fahrzeug- und Leistungsklasse irgendwann an seine Grenzen. Beim Mission S rückt Porsche den Boxer-Achtzylinder-Biturbomotor deshalb vor die Hinterachse – und die Kraft wird ausschließlich auf diese gelenkt. Denkbar ist eine zusätzliche Vollhybrid-Unterstützung – unserer Vermutung nach wird Porsche keinen Plug-in-Hybrid einsetzen. Ob der Motor vom Allgäuer Tuningbetrieb RUF stammen oder eine Eigenentwicklung von Porsche sein wird, bleibt abzuwarten. Die Kombination aus Mittelmotor, Turboaufladung, Hybridisierung und Heckantrieb würde dem Mission S die DNA der bisherigen Porsche-Supersportwagen geben – und somit an die kompromisslose Tradition der Marke anknüpfen.
Sticht der Mission S den 911 GT2 RS aus?
Wenn der Mission S im Jahr 2028 in Serie geht, dürfte der Einstiegspreis bei mindestens 500.000 Euro liegen. Damit würde Porsche eine neue Spitze im Modellprogramm schaffen. Ob der Mission S langfristig den GT2 RS ersetzt, bleibt abzuwarten. Der GT3 RS soll künftig ebenfalls mit einem Turbomotor kommen. Dadurch könnte sich die bisherige Rollenverteilung zwischen den besonders leistungsstarken 911-Modellen verschieben.
Für Michael Leiters, Vorstandsvorsitzender der Porsche AG, wird entscheidend sein, die Entwicklungskosten im Griff zu behalten. Eine konsequente Nutzung der 911er-Plattform wäre dafür ein logischer Schritt: Porsche könnte vorhandene technische Grundlagen weiterverwenden und zugleich ein deutlich eigenständigeres Fahrzeug darüber positionieren. Der Mission S wäre dann nicht einfach ein weiterer 911, sondern die nächste Entwicklungsstufe eines bekannten Grundkonzepts.
Organische Formen und ein Cockpit in Bewegung
Auch am Heck geht Porsche gestalterisch einen neuen Weg. Die geschwungenen Flächen wirken organischer und erinnern stellenweise an die biomorphe Formensprache, die man auch von McLaren kennt. Für Porsche ist diese stärker fließende Gestaltung eher selten angewandt: Die Formen bleiben klar und präzise, wirken aber weniger streng als bei vielen bisherigen Modellen.

Technologische Highlights zeigen sich auch im klar reduzierten und gestalteten Cockpit. Beim Wechsel des Fahrprogramms beispielsweise verändern die beiden seitlichen Instrumente ihre Position und rücken aus dem Hintergrund in das Blickfeld – vervollständigen somit das Cockpit mit insgesamt fünf Rundinstrumenten, typisch Porsche. Diese beweglichen Anzeigen erinnern ein wenig an das um 90 Grad drehbare Instrumentendisplay des McLaren 720S. Porsche übersetzt die Idee – durch den ehemaligen McLaren-, jetzt Porsche-Chefdesigner Tobias Sühlmann – in ein eigenes Konzept, das den Fahrer und die gewählte Fahrstufe stärker miteinander verbindet.

Gewöhnungsbedürftig sind dagegen die beiden LED-Leisten an der Front. Sie verlaufen fast waagerecht und sind nur leicht angewinkelt. Das verändert den vertrauten Blick auf einen Porsche deutlich. Ob sich dieses Detail in der Serie durchsetzt, wird sich zeigen. Der Mission S muss nicht jedes Element eins zu eins übernehmen – aber gerade diese Front dürfte zu den auffälligsten Entscheidungen des Designs gehören.
Der fliegende Tesla Roadster zieht die Aufmerksamkeit mit einem spektakulären Versprechen auf sich. Porsche setzt beim Mission S einen anderen Akzent: Der Fahrer soll nicht bloß staunen, sondern selbst entscheiden, wie unmittelbar er das Auto erleben will. Der rote „On Your Own“-Knopf bringt diese Haltung auf eine einfache Formel. Ob daraus ab 2028 tatsächlich ein Supersportwagen für rund 500.000 Euro wird, bleibt abzuwarten. Die Richtung aber ist bereits erkennbar: Porsche will den Fahrer noch stärker in den Mittelpunkt rücken.

