Sitzprobe neuer VW Golf 8 (2020): Doch (noch) besser als ID.3?

Es kommt selten vor, dass eine neue Generation einer automobilen Ikone ihre Weltpremiere feiert. Beim VW Golf passiert dies jetzt in 45 Jahren zum achten Mal – und zum ersten Mal in Wolfsburg. Genau dort, wo er auch produziert wird. Dabei sind die Zeiten für ein neues, konventionell angetriebenes Fahrzeug vermeintlich schwierig. Nichtsdestotrotz – und gerade wegen des neuen ID.3 – ist der VW Golf 8 auf jeden Fall das richtige Auto zur richtigen Zeit. Wir zeigen warum!


Golf 8 mit neuem Frontdesign

Der VW Golf 8 bekommt ein neues Frontdesign, das ein bisschen an die japanische Formensprache erinnert. Vor allem mit dem R-Line Paket ähneln einzelne Details aus einem ganz bestimmten Winkel witzigerweise dem des Subaru STi. Die wahrscheinlich im nächsten Jahr kommenden GTI- und R-Modelle werden dann größere Lufteinlässe bekommen.

Galerie: VW Golf 8 Style (2020)

VW Golf 8 Style (2020)
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Das Scheinwerferdesign ist komplett neu: die Leuchten sind abgerundeter und mit einer neuen Signatur ausgestattet. Wie Tränensäcke ausgeformte Augen ziehen sie die Seiten relativ breit.

So ist das Auto von vorne nicht stämmiger, sondern wirkt eher elegant und auf aerodynamische Wirksamkeit getrimmt. So sitzt die Nase tiefer, die oberen Einlässe verschmälern sich extrem. Dafür gibt es unten – analog 911 (992) – einen großen Lufteinlass. Volkswagen nennt einen cw-Wert von 0,275. Das ist zwar fernab vom A-Klasse Coupé von Mercedes-Benz, aber für sich betrachtet richtig gut.

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Der VW Golf 8 bekommt eine komplett neue Frontpartie: Der obere Lüftungsschlitz wird schmaler, die Luftöffnungen unten deutlich größer. So sieht er sportlicher und satter aus.

Serienmäßig gibt es Voll-LED-Scheinwerfer und LED-Rückleuchten. Optional sind Matrix-LED und LED-Heckleuchten mit dynamischer Blinkerfunktion. Insgesamt muss man sich auf jeden Fall an das Frontdesign gewöhnen. Da es aber rund acht Jahre „halten“ muss, stehen die Chancen gut, dass man sich daran gewöhnt.

Die Seitenlinie wirkt optisch länger als die seiner Vorgängergeneration. Die Radhäuser schmücken Felgen bis zu einer Größe von 19 Zoll, wobei 15 Zoll Stahlfelgen immer noch Serie sind.

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In diesen Farben des sogenannten „New Brand Designs“ erstrahlt in Zukunft auch der Volkswagen Händler – zumindest teilweise.

Neue Interieurarchitektur mit Innovision Cockpit

In den Händen hält man das neue Volkswagen Lenkrad – bekannt aus Passat und T-Cross. In Ausschau gestellt (und auf Designskizzen vermeintlich erkennbar) hat Volkswagen schon ein weiteres mit berührungsempfindlichen Bedienelementen, das wahrscheinlich mit den Performance-Modellen erscheinen wird.

Dahinter waltet ein neues virtuelles Cockpit mit 10,25 Zoll Bildschirmdiagonale, das neue Funktionen und Bedienelemente aufweist. Und wiederrum dahinter gibt es jetzt ein Head-Up Display, das seine Anzeigen direkt auf die Straße projiziert – ohne Plexiglasscheibe.

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Innovision Cockpit nennt Volkswagen die digitale Displaylandschaft, die sich halb-freistehend hinter dem Lenkrad verbirgt.

In Kombination mit dem Multimediasystem in der Mitte (8,25 Zoll Serie, 10 Zoll optional) entsteht so eine virtuelle Cockpitlandschaft. Volkswagen nennt dies das „Innovision Cockpit“. Es fließt – im Gegensatz zum Touareg – nicht ineinander, sondern ist durch eine Stufe abgesetzt und somit durch einen Rahmen getrennt. Der Bildschirm in der Mitte ist halb-freistehend und mit einer breiten Kunststoffumrahmung versehen.

Der Funktionsumfang dieses Systems hat sich deutlich gesteigert: Nun kann man im virtuellen Cockpit schier endlos Anzeigen und Darstellungen abrufen, sondern auch im Multimediasystem. Das geht so weit, dass man – natürlich optional – sogar die Ambientebeleuchtung im Fußraum differenziert zu der am Armaturenträger und den Türtafeln definieren kann.

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Der Vorderwagen des neuen Golf der 8. Generation ist flacher – und noch dynamischer. Die Farbe hier heißt Limonengelb.

Volkswagen setzt auch konsequent auf ein knopfloses Interieur. So gibt es am unteren Rand es berührungsempfindliche Elemente für Lautstärke (in der Mitte) sowie für die Klimasteuerung (rechts und links), die mit Streichgesten bedient werden können. Das funktioniert ganz ordentlich, ersetzt aber nicht den klassischen Lautstärke-Drehregler.

Diese Funktionen können auch mit Wischgesten gesteuert werden. Auch das funktioniert mäßig, wenn auch besser als beim Vorgängersystem. Die Sprachsteuerung ist nun endlich natürlich – Algorythmen und Bausteine wurden von Audi übernommen (wir hatten das im A6, A7 und A8 getestet).

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Ein bisschen erinnern die Heckleuchten an den Tiguan – schmal geschnitten, präzise ausgeformt und mit Voll-LED-Leisten bestückt.

Sportliches Sitzposition im neuen Golf

Die Sitzposition ist gewohnt sportlich, das Cockpit ist – analog Audi – zum Fahrer geneigt. Die Mittelkonsole wurde etwas breiter und großzügiger, das Sechsgang-Handschaltgetriebe schaltet (zumindest im Stand gut, die Gassen sind VW-typisch wohl definiert) und der Handschaltknauf liegt gut in der Hand. An Stelle der manuellen Schaltkulisse gibt es bei der Version mit Doppelkupplung einen Gangwahlhebel, der – auch wieder Konzerndesign, analog Porsche 911 (992) – deutlich kürzer als bisher ausfällt.

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Die Ambientebeleuchtung lässt sich stufenlos – und zonenweise – anpassen. Weitere Funktionen im neuen Multimediasystem sind nahezu unendlich vorhanden. Sogar eine Voreinstellung für die Klimasteuerung mit dem Namen „Füße wärmen“ gibt es.

Insgesamt wirkt das Interieurdesign modern und erinnert in den Grundzügen an die Audi-Architektur. Das freistehende Multimediasystem in der Mitte wirkt in Ordnung, wenn auch nicht so futuristisch wie erwartet.

Die Änderungen in der Türinnenverkleidung gegenüber der des Golf 7 sind marginal. Hier gibt es normale Taster und Schalter – kein Touch, keine neuartigen Oberflächen, keine herausragende Materialqualität. Aber trotzdem in Ordnung.

Golf 8 mit Car2X Standard serienmäßig

Volkswagen hatte vor rund einem Jahr die Dachmarke IQ.Drive medial stark beworben. Darunter fallen alle intelligenten Assistenzsysteme. Dass auch der neue Golf alle bisherigen auf dem Markt verfügbaren Assistenz- und Technologiesysteme weiterentwickelt an Bord hat, ergibt sich von selbst.

Neu aber ist Car2X-Kommunikation. Mit dieser Technologie interagiert das Fahrzeug mit seiner Umwelt. Konkret sind das erst einmal Ampeln, Krankenwagen und andere Fahrzeuge, die über diesen Standard verfügen. Die Kommunikationstechnologie ist in Europa technisch genormt und funktioniert über den WLANp / ITS G5 Standard. Heißt: Auch BMW, Mercedes und Renault können mit dem Golf in Kontakt treten.

Leben retten kann das System tatsächlich. So hören immer noch einige Straßenverkehrsteilnehmer gar nicht – oder zu spät – wenn ein Krankenwagen oder Rettungsfahrzeug hinter ihnen an der Ampel steht und vorbei gelassen werden möchte. Dank Car2X meldet sich das Rettungsfahrzeug schon vorher an – das System gibt mittels digitalem Cockpit dem Fahrer die entsprechende Warnung mit der Aufforderung, Platz zu machen.

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Der Kofferraum des Golf 8 ist mit 380 Litern gleich groß wie der seiner Vorgänger-Generation.

Endlich 48 Volt-Mild-Hybridisierung im Golf 8

Die beste Nachricht: Der Golf 8 bekommt endlich eine 48 Volt-Mild-Hybridisierung. Und das sogar für die kleinen Dreizylinder-Aggregate. So gibt es zu Beginn drei Leistungsstufen als sogenannte „eTSI“: 110, 130 und 150 PS. Darüber hinaus werden als Plug-In-Hybride die Leistungsstufen 204 und 245 PS (GTE) angeboten. Dieselseitig stehen die beiden Leistungsstufen mit 115 und 150 PS zur Auswahl.

Und natürlich gibt es auch wieder eine Erdgas-Variante als Golf TGI. Sie wird mit dem bewährten 1,5-Liter Vierzylindermotor mit 130 PS ausgestattet sein, das wir schon gefahren sind.

Golf 8 besser als ID.3?

Welch Frage – die sich zwar stellt, aber eigentlich nicht stellen sollte. Denn ein „besser“ gibt es nicht, zu verschieden die Konzepte. Aber ja, der ID.3 tritt in der Golf-Klasse gegen sein konventionell angetriebenes „Parallelderivat“ an und kannibalisiert vielleicht auch ein bisschen.

Trotzdem kann man mit dem Golf 8 im Alltag wahrscheinlich mehr anfangen. Und für einige wird er einfach noch „das richtige Auto“ sein – ohne sich umgewöhnen zu müssen. Fest steht: Auch der Golf 8 steht in Sachen E-Antriebe richtig gut da, ist bewährt und einfach eine Ikone. Zu dieser muss der ID.3 erst noch werden. Mal sehen wie das Spiel ausgeht zwischen konventionellen und futuristischen Automobilen. Ob der Golf 9 jemals kommen wird?

VW Golf 8: Preis und Fazit

Der VW Golf 8 wird in seiner Grundversion (nicht so ansehnlich) wahrscheinlich etwas über 19.000 Euro kosten. All zu viel erwarten kann man bei diesem Preis natürlich nicht, dennoch bietet der neue Golf in einer etwas üppiger ausgestatteten Version durchaus spannende Fähigkeiten.

So ist nicht nur das Motorenangebot von (Mild-) Hybrid über Erdgas bis hin zu Diesel das größte und vollumfänglichste im Segment („für jeden ist etwas dabei“), sondern auch das Angebot an digitalen Technologien und sinnvoll unterstützenden Assistenzsystemen ist groß und auf dem neuesten Stand.

Klar: Die Maße und Volumina blieben weitgehend auf dem selben Stand, das Chassis sowie die Fahrwerkskomponenten scheinen nur eine leichte Anpassung bekommen zu haben. Man muss ja Bewährtes nicht immer vollumfänglich erneuern.

Wer sich jetzt für einen Golf 8 interessiert kann ihn ab Dezember diesen Jahres (2019) vorbestellen. Die ersten Auslieferungen starten dann voraussichtlich am Ende des ersten Quartals 2020.

 Bewertung VW Golf 8 (2020)
 Optischer Eindruck ++++
 Qualität Karosserie +++++
 Lackqualität Karosserie +++++
 Qualität im Interieur +++
 Sitzkomfort Cockpit ++++
 Sitzkomfort Fonds +++
 Digitales Bedienkonzept ++++
 Raumangebot ++++
 Innovation +++
 Preis +++
 Gesamteindruck ++++
 +++++ = Maximum

Benjamin Brodbeck

Benjamin Brodbeck ist 29 Jahre alt und studierte Automobilwirtschaft bei Prof. Dr. Diez. Danach wechselte er an die Universität Wien, wo er Publizistik- und Kommunikationswissenschaften studierte und mit dem akademischen Grad 'Magister der Philosophie' abschloss. Neben seiner Tätigkeit als Jazz-Pianist bringt er seine Leidenschaft für und sein Wissen von Automobilen in Form und Sprache als Publizist bei AUTOmativ.de sowie zahlreichen weiteren Plattformen zum Ausdruck.

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