Auf den Spuren einer südafrikanischen Legende: Der VW Citi Golf

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Wenn schon ein US-Amerikaner so verrückt ist, einen Citi Golf in Südafrika zu kaufen, ihn zu restaurieren, ihn dabei mit einem V6-Turbomotor aus dem Passat auszustatten und das modifizierte Auto dann noch zum legendären Wörtherseetreffen zu schiffen, dann muss dieses Auto schon etwas Besonderes sein. Ich bin nach Südafrika geflogen und war – unter anderem – auf den Spuren der Ikone VW Citi Golf – in ihrem ursprünglichen Habitat.

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VW Golf 7 GTD (rechts) zusammen mit einem “Chico” VW Citi Golf an der südafrikanischen Küste in der Nähe von Plettenberg Bay.

Die Abendstimmung am Strand im Chico genießen

Es ist früher Abend. Futuristische LED-Rückleuchten flankieren zu ihrer Linken analoge Glühbirnen – der GTD-Schriftzug meines VW Golf steht dem des Nachbarautos gegenüber. „Chico“ steht dort auf dem rechten Rand der Heckklappe. Ein ungewöhnlicher Name für eine damals eher konservative Marke wie Volkswagen. Aber hier unten in Südafrika ist alles einfach lässiger. Nicht nur die Namen der Automobile.

Und so steht ein – in Südafrika keinesfalls seltenes – Exemplar des 1995 eingeführten Sondermodells des legendären Citi Golf namens „Chico“ auf einer leicht zum Meer geneigten Anhöhe. Sein Besitzer genießt von dort aus den Blick auf den weiten Strand und die ruhig über den Sand auslaufenden Wellen, deren Rhythmus in Kombination mit dem durch die salzhaltige Luft violett wirkenden Licht auf jedes gestresste europäische Ich wie Balsam auf die Seele wirken muss. Und definitiv tut.

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Und warum aussteigen, wenn man auch aus dem Cockpit seiner Ikone die Abendstimmung genießen kann? Schließlich kongruieren seine Zeiten als fideler Chico – den Gesichtszügen im Außenspiegel nach zu urteilen – mindestens mit dem Baujahr seines Citi Golfs.

Und vielleicht sind diese Zeiten an diesem speziellen Ort in Plettenberg Bay auch einfach erinnerungswürdig – mit Sicherheit sind sie das. Denn das, was bei uns in Europa der Käfer war (und immer noch ist), war und ist der Citi Golf in Südafrika.

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Plettenberg Bay als sonniger Wochenend-Ort

Da die Regentage am Südatlantik bis vor nicht allzu langer Zeit gegenüber denen in „Plett“ überwiegten, war der rund vier Autostunden entfernte Sonnenort direkt an der Küste des indischen Ozeans einer der beliebtesten Wochenend-Ziele der Kapstädter. Und so ist es im Rahmen der Möglichkeiten, dass auch unsere Charakterfigur mit seinem Chico aus Kapstadt kam, um in der Gegend um Plettenberg eine Auszeit zu nehmen.

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Der US-Amerikaner Jamie Orr (rechts im Bild) brachte 2017 seinen umgebauten VW Citi Golf von Südafrika mit der Fähre zum GTI-/Wörtherseetreffen.

Fest steht jedenfalls, dass es der auf den Nachbarort Knysna zugelassene Citi-Golf nach seinem Bau nicht weit nach Plettenberg hatte. Nur rund zwei Autostunden ist das Volkswagen-Werk Uitenhage entfernt. Dort, in der Nähe von Port Elizabeth entstanden von 1978 bis 2009 acht Modellvarianten des Golf I („Ur-Golf“).

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Mit Sicherheit einer der originellsten Citi Golf auf der Welt.

Nachdem der Golf I sechs Jahre später in Europa wieder durch ein neues Modell ersetzt wurde, fertigten die Südafrikaner den selben Golf I einfach weiter. Schließlich waren so extreme Preisvorteile gegenüber dem Wettbewerb möglich. Der Erfolg des insgesamt rund 380.000 verkauften Citi Golf gab dieser strategischen Entscheidung recht. Denn der Kult-Golf ist dort immer noch einer der beliebtesten Kleinwagen – gerade für Studenten. Und auch hier bei uns in Deutschland hat er bei Sammlern begehrten Kultstatus.

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VW Citi Golf ursprünglich in Rot, Weiß und Blau

So richtig modernisiert wurde er erst im Jahr 2003, als die Armaturentafel, die Sitze und Außenspiegel verändert wurden – teilweise mit Teilen des Polo. Darüber hinaus gab es dann auch einen Airbag. Quasi als Geschenk aus der Zukunft.

Auf den südafrikanischen Straßen sieht man „Citis“ in allen Farben und jeden Zustands. Meistens werden die Autos hart genutzt – und wenig gepflegt. So wie im südafrikanischen Heidelberg, das zwischen Plettenberg und Kapstadt direkt an der Hauptverkehrsader liegt. Das Interieur ist Golf I-typisch, der Zustand weist auf das Nutzungsverhalten der Südafrikaner und den anspruchsvollen automobilen Überlebenskampf hin.

Ebenfalls bezeichnend: viele der abgestellten Fahrzeuge werden nicht einmal abgeschlossen. Auch die Fenster werden oben gelassen. Dass nicht noch der Schlüssel steckte, war verwunderlich. (kommt bestimmt auch vor.) Erstaunlich insofern, als dass die meisten Autodiebe einen Citi in Windeseile knacken können. Vertrauen ist gut, Kontrolle eher nicht berücksichtigt.

Die gelbe Lackierung sieht man in Südafrika oft auf den Straßen. Doch als der Citi neu war, gab es ihn ursprünglich nur in drei Farben: Rot, Weiß und Blau. Das erzählte mir Jamie Orr auf dem diesjährigen Wörtherseetreffen und zeigte mir dabei seine bevorzugte Citi Golf Lektüre.

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Deswegen trägt das Karosseriekleid seines importierten und mit einem V6-Motor getunten Citi auch Hellblau – in Kontrast zu weißen Elementen und goldenen BBS- Felgensternen.

Südafrika ohne Citi Golf nicht auszudenken

Fest steht: der VW Citi Golf ist aus dem südafrikanischen Straßenbild nicht mehr wegzudenken. Ganz gleich in welche Straße man einbiegt: irgendein Citi steht oder fährt einem immer entgegen. Und das ist schon irgendwie cool.

Sein Nachfolger heißt übrigens Polo Vivo. Das Prinzip bleibt gleich – ob er auch irgendwann Kultstatus erreicht wird sich zeigen.

Benjamin Brodbeck

Benjamin Brodbeck ist 33 Jahre alt und studierte Automobilwirtschaft bei Prof. Dr. Diez. Danach wechselte er an die Universität Wien, wo er Publizistik- und Kommunikationswissenschaften studierte und mit dem akademischen Grad 'Magister der Philosophie' abschloss. Neben seiner Tätigkeit als Jazz-Pianist bringt er seine Leidenschaft für und sein Wissen von Automobilen in Form und Sprache als Publizist bei AUTOmativ.de sowie zahlreichen weiteren Plattformen und Unternehmen zum Ausdruck.

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