Flachs statt Carbon: BMW will Naturfaser-Verbundwerkstoffe serienreif machen
BMW will Naturfaser-Verbundwerkstoffe künftig auch in Serienfahrzeugen einsetzen – ähnlich wie Porsche schon im Jahr 2019, allerdings ist diese Technologie bei den Stuttgartern bislang nicht im Serieneinsatz. Die gemeinsam mit dem Schweizer Unternehmen Bcomp entwickelten Bauteile auf Flachsbasis erfüllen – so BMW – inzwischen auch die Anforderungen für Dachstrukturen. Beim Ersatz eines Carbon-Verbunddachs nennt BMW rund 40 Prozent weniger CO₂-Äquivalente in der Herstellung. Erste Erfahrungen stammen aus dem Motorsport.
Neben dem eigentlichen Gewicht rückt beim Thema Nachhaltigkeit zunehmend die Frage in den Vordergrund, wie aufwendig die verwendeten Materialien hergestellt werden – und wie viele Ressourcen sie in der Herstellung binden. Naturfaser-Verbundwerkstoffe sollen hier eine zusätzliche Möglichkeit eröffnen: Sie nutzen nachwachsende Rohstoffe als Verstärkung und können bei geeigneten Bauteilen kohlenstofffaserverstärkte Kunststoffe, kurz CFK, ersetzen. BMW hat den Naturfaser-Einsatz bislang für die kommende vollelektrische M-Hochleistungsmodellreihe der 3er-Baureihe angekündigt. Im BMW M Konzeptauto der „Neuen Klasse“ waren schon auf der vergangenen IAA in München (2025) entsprechende, ähnliche Materialien zu sehen, etwa am Frontsplitter, Diffusor, Dach und als Strukturmaterial in den Sitzen.
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Naturfaser-Dach soll rund 40 Prozent Produktionsemissionen sparen
Als konkretes Anwendungsbeispiel führt BMW das Fahrzeugdach an. Wird dort ein Carbon-Verbundwerkstoff durch einen Naturfaser-Verbundwerkstoff ersetzt, lassen sich nach Unternehmensangaben rund 40 Prozent der CO₂-Äquivalente bei der Herstellung einsparen. Zusätzliche Aspekte am Ende des Produktlebenszyklus kämen hinzu. Die Größenordnung bezieht sich damit auf die Produktion des betrachteten Dachbauteils.
Für die technische Umsetzung ist entscheidend, dass ein alternatives Material die Anforderungen des jeweiligen Bauteils erfüllt. Nach Angaben des Herstellers bestehen die entwickelten Naturfaser-Verbundwerkstoffe inzwischen selbst die strengen Anforderungen an Dachstrukturen im Rahmen der Gesamtfahrzeughomologation. Damit geht die Entwicklung über reine Dekorelemente hinaus.

Flachsfasern für sichtbare Außen- und Innenraumteile
Die Leichtbaukomponenten entstehen in Zusammenarbeit mit Bcomp. BMW arbeitet seit mehreren Jahren mit dem Schweizer Unternehmen an den flachsbasierten Materialien und ist über seine Beteiligungsgesellschaft BMW i Ventures auch finanziell an Bcomp beteiligt. Materialtests hätten insbesondere die Eignung für sichtbare Komponenten im Außen- und Innenraum gezeigt. Damit kommen Anwendungen infrage, bei denen neben den technischen Eigenschaften auch Oberfläche und Gestaltung eine Rolle spielen. Naturfaser-Verbundwerkstoffe bleiben dabei Verbundmaterialien, heißt, dass der Einsatz von Flachs nicht automatisch bedeutet, dass ein fertiges Bauteil vollständig aus nachwachsenden Rohstoffen besteht oder biologisch abbaubar ist.

Der Unterschied zwischen Flachs- und Carbonfasern – und der jeweiligen Verarbeitung
Flachs- und Carbonfasern werden nicht grundsätzlich unterschiedlich „geflochten“: Beide lassen sich zu Geweben verarbeiten und anschließend mit einem Harz zu einem Verbundbauteil formen. Der entscheidende Unterschied liegt zunächst im Ausgangsmaterial und seiner Herstellung. Flachsfasern werden aus den Stängeln der Pflanze gewonnen, zu Garnen oder Fasersträngen aufbereitet und etwa zu technischen Geweben verarbeitet.
Carbonfasern entstehen dagegen industriell, meist aus Kunststoff-Vorläuferfasern, die in mehreren Schritten stabilisiert und bei hoher Temperatur karbonisiert werden. Die fertigen Fasern werden bei beiden Werkstoffen mit einer Kunststoffmatrix verbunden; je nach Bauteil unterscheiden sich Aufbau und Eigenschaften. Flachsverbunde können etwa Vibrationen besser dämpfen und ein anderes Bruchverhalten zeigen, während Carbon für besonders steife und belastbare Leichtbauteile eingesetzt wird. Ein Material ersetzt das andere deshalb nicht pauschal, sondern muss für die jeweilige Komponente ausgelegt werden.
BMW M Motorsport setzt Naturfasern bereits seit 2019 ein
Die Entwicklung hat ihren Ursprung im Rennsport. BMW M Motorsport setzte entsprechende Verstärkungsteile erstmals in der Formel-E-Saison 2019 ein. Später kamen Naturfaser-Komponenten auch im BMW M4 DTM und im M4 GT4 zum Einsatz und ersetzten dort CFK-Bauteile. Seit 2022 ist Bcomp offizieller Partner von BMW M Motorsport für den M4 GT4. Die Zusammenarbeit verbindet damit die Materialentwicklung mit praktischen Erfahrungen unter Rennbedingungen.

Serienreife eröffnet zusätzliche Möglichkeiten im Leichtbau
Für BMW erweitert die Entwicklung die Materialauswahl zwischen technischen Anforderungen, Gewicht und Herstellungsaufwand. Der angekündigte Einsatz bedeutet allerdings keinen generellen Abschied von Carbon. Welche Lösung sinnvoll ist, hängt vom konkreten Bauteil und dessen Beanspruchung ab. Flachsbasierte Verbundwerkstoffe sollen künftig auch dort verwendet werden können, wo bislang Carbon zum Einsatz kam. Modellzuordnungen, Stückzahlen und ein genauer Einführungstermin bleiben noch offen.

