Hat der Polestar O2 Elektro-Roadster (gegen Porsche’s 718 E-Roadster) eine Chance?

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Volvo-Tochter Polestar wildert in den Gefilden der Stuttgarter Sportwagenbauer. Zwar geht’s vorerst um ein Auto in der Konzeptphase, aber das kürzlich vorgestellte Showcar mit dem Namen „O2“ (2 tiefgestellt, also das Element im Periodensystem für Sauerstoff) schaut nicht nur atemberaubend aus, sondern zielt auf den nahenden (2023) Porsche Elektro-Roadster 718 Boxster (und Cayman). Aber hätte Polestar mit einem Serienauto dieser Studie überhaupt eine Chance im eigentlich besetzten Markt?

Die Auto-Welt wird elektrisch

Als mittlerweile gesetzt gilt, dass die Welt der Automobile ganz klar elektrisch wird. Das bedeutet aber nicht, dass kein Platz mehr für Leidenschaft ist. Denn – auch das ist gesetzt – moderne, mit regenerativen Kraftstoffen (e-Fuels) betriebene Verbrennungsmotoren wird es weiterhin und bis auf Weiteres auch geben. Also müssen wir den Sechszylinder-Boxer nicht abschreiben.

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Sieht ja schon echt schnittig aus, klingt aber nicht mehr nach Sechszylinder-Boxer: Die Porsche-Studie „Mission R“, die einen Ausblick auf einen künftigen Rennwagen auf Basis der 718er-Baureihe gibt.

Allerdings müssen wir ihn in den nächsten Jahren sehr wahrscheinlich aus der 718er-Baureihe verabschieden, wenn ab 2023 schon die ersten elektrischen Boxster und Cayman kommen. Auch wenn diese ein paar Jahre parallel nebeneinander herlaufen werden. An die Stelle des Boxer-6 werden bis zu zwei E-Maschinen für Vortrieb sorgen. Für mächtig mehr Vortrieb. Und dass diese Entwicklung neue Wettbewerber anlockt ist klar. Polestar steht mit seinem Konzeptfahrzeug „O2“ schon auf der Matte.

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Das Beste zweier Welten: Das Polestar O2 Konzept vereint das Roadster-Dasein mit einem Coupé – dank eines Hardtops.

Zweisitzer-Roadster: Polestar oder Porsche – oder Alpine?

Mercedes-Benz hatte den SLK als zweisitzigen Roadster, Chrysler nutzte die Plattform später für seinen Crossfire – BMW hat den Z4, Toyota den Supra, Renault die Alpine und Polestar bald die Serienversion des O2?

Kurz vorab: Die O2-Studie von Polestar ist offiziell als 2+2-Sitzer ausgelegt. Deswegen tritt sie natürlich nicht in den direkten Wettbewerb von zweisitzigen Roadstern, aber angesichts der Platz-Situation in der zweiten Reihe ist es möglich, dass Polestar in einer möglichen Serienversion der Studie auch ausschließlich auf das Zweisitzer-Konzept geht.

Die Geschichte zeigt: Hersteller haben es schwer mit ihren zweisitzigen Roadstern (in Ausnahmen auch Coupés, die auf der selben Plattform basieren). So zum Beispiel Mercedes-Benz: Lange Jahre war hier der SLK im Angebot. Er hatte durchaus seine Klientel, aber so richtig erfolgreich war er nie. Zu inkonsequent sportlich, optisch für viele nicht attraktiv – und dafür dann doch zu teuer. Später nutzte Partner Chrysler die Plattform für ihren „Crossfire“, die geschlossene Version des SLK.

So ähnlich macht es BMW mit Toyota: Seit dem neuen Z4 bauen die Münchner die offene und die Japaner die geschlossene Version des Zweisitzers. Und auch das spricht Bände, denn so erfolgreich war auch der Z4 nie. BMW hängt am Z4 (was man auch verstehen kann), aber ein Erfolg war er nie. Deswegen wurde die Kooperation mit Toyota in die Wege geleitet. Hingegen Toyota hatte schon immer Erfolg mit „seiner Supra„: So war das Auto nicht nur auf den asiatischen Märkten ein Verkaufsschlager, sondern wurde auch in relativ hohen Stückzahlen exportiert und bediente hierzulande eine durchaus kleine aber stetig wachsende Community. Kein Wunder, schließlich stiegen die Japaner schon relativ früh (1978) in das Geschäft der zweisitzigen Sportler ein.

Ebenfalls keine Erfolgsgeschichte gibt es bei Audi: Mit dem TT stellten die Ingolstädter zwar ein innovatives Design vor und der TT war und ist bis heute ein gutes Auto, jedoch auch mit fortwährend schwächelndem Erfolg.

Schauen wir nach Frankreich: Renault hat mit seiner Alpine schon früh historischen Anspruch auf zweisitzige Sport-Coupés erhoben. Genau so wie Porsche. Und heutzutage fertigen die Franzosen auch eine Neuauflage des Klassikers: Der Alpine A110. Die Stückzahlen sind weiter auf eher exklusiven Niveau, aber als einen Erfolg der sportlichen Renault-Tochter kann man die Neuauflage der Alpine durchaus verbuchen. Freilich dürfte hier die Historie auch dem Vertrieb helfen.

Ähnlich wie bei Fiat: Mit dem Fiat / Abarth 124 Spider legten auch die Italiener auf Basis der Historie den kleinen, leichten und schnellen Zweisitzer auf: Mit Erfolg. Die Emotionalität und Sportlichkeit überzeugte einige (inklusive uns). Dennoch reichte es leider nicht für eine Fortsetzung des Fahrzeugs. Obwohl die letzte Neuauflage des 124 zusammen mit Mazda konzeptioniert wurde. Mazda hingegen hat mit seinem MX-5 schon lange – und auch bis heute – großen Erfolg.

Porsche definiert Teile seiner DNA auf Basis kleiner, leichter und wendigen zweisitzigen Roadstern. Schon früh feierten die 550er-Modelle – später die 718er – Rennerfolge. Eine Historie, die Parallelen zu Alpine und in Teilen zu Fiat öffnet. Andere Hersteller verfolgten andere Prinzipien und definierten ihre DNA entsprechend differenziert. Und das scheint ein Grund zu sein wovon sich ein erfolgreiches Roadster-Konzept von einem nicht erfolgreichen unterscheidet: Historie und vor allem Emotionalität.

Weil der typische Kunde eines Roadster eben nicht Homo Oeconomicus ist, sondern ein Mensch mit Leidenschaft und emotionaler Hingabe für besondere Produkte.

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Ein eckiges Lenkrad und ein riesiges Display begrüßen die Insassen des Polestar O2 Konzeptautos. Darüber hinaus sollen viele nachhaltige Materialien verwendet worden sein.

Polestar O2 Konzept-Roadster für Homo Oecologicus

Aber für die Kundschaft der Homo Oecologicus könnte das Polestar O2 Konzept durchaus etwas sein. Denn es soll an nachhaltig hergestellten und recycelten sowie recycelbaren Materialien ganz und gar nicht mangeln. Viel sagt die chinesisch geführte Volvo-Tochter noch nicht zu seinem Roadster, aber man könnte mutmaßen, dass auch hier der typische Polestar-Antrieb mit 408 PS aus zwei Synchronmaschinen an Vorder- und Hinterachse verbaut ist.

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Sehr extrovertiertes und sauberes Design mit dem der Polestar O2 hier glänzt

Über das Design lässt sich kaum streiten: Es sieht aus jeder Perspektive einfach richtig gut aus. Das O2 Konzept verfügt über ein gläsernes Hardtop, das auf Knopfdruck aus der Roadster-Version eine geschlossene machen kann. Kein Stoffverdeck also wie beispielsweise bei Porsche und auch anderen Roadster-Herstellern.

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Nicht nur das Hardtop – auch andere Komponenten der Karosserie und des Interieurs schauen teuer aus. Gleichzeitig möchte Polestar damit nicht in das Segment von Lamborghini und Co, sondern in das von Z4, 718, Supra und Co. Hier ein Fahrzeug erfolgreich zu etablieren bedeutet auch nicht alles zu verbauen was geht, sondern aus den finanziell verfügbaren Mitteln das Beste im Sinne von „das Essentielle“ herauszuarbeiten und anzubieten. Und wir haben noch nicht über den historischen Bezug zu einem Modell, zu einer Marke gesprochen. Da können Volvo und Polestar eher wenig bieten – müssen sich also auf andere Werte konzentrieren.

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Angesichts der Philosophie von Polestar und dem Charakter seiner Modelle, nicht immer vollkommen fokussiert auf den wirklichen Anforderungen eines Autos in einem Segment zu sein, hegen wir Zweifel, ob ein solches Auto wie das O2 Konzept wirklich erfolgreich sein kann. Wir erinnern uns zum Beispiel an das in sich nicht ganz stimmige Fahrzeugkonzept des XC60 T8 Polestar. 180 Km/h, 405 PS Leistung und dann die teuersten und vor allem mechanisch einstellbaren Öhlins-Stoßdämpfer? Wozu?

Platzhirsch Porsche 718

Selten steht eine Automarke so stark für ein Fahrzeugsegment wie der 718 bei Porsche: Zweisitzer-Roadster (oder -Coupé) = 718. Ob daran Polestar etwas ändern kann?

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Auch nur eine Studie (und dazu noch ein Rennwagen), aber auch ein ziemlich konkreter Technik- und Design-Ausblick der kommenden Generation Porsche 718.

Klar – auch wir haben keine Glaskugel (hätten wir die, würden wir hier nicht diesen Text schreiben), aber es ist nur so ein Gefühl, basierend auf der Herleitung und dem Blick auf andere Hersteller und Modelle. Daran dürfte auch die Elektromobilität wenig rütteln.

Benjamin Brodbeck

Benjamin Brodbeck ist 32 Jahre alt und studierte Automobilwirtschaft bei Prof. Dr. Diez. Danach wechselte er an die Universität Wien, wo er Publizistik- und Kommunikationswissenschaften studierte und mit dem akademischen Grad 'Magister der Philosophie' abschloss. Neben seiner Tätigkeit als Jazz-Pianist bringt er seine Leidenschaft für und sein Wissen von Automobilen in Form und Sprache als Publizist bei AUTOmativ.de sowie zahlreichen weiteren Plattformen zum Ausdruck.