Stasi 2.0: Alexa ab sofort auch in jedem Seat – freiwillig

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Wunderbar: Amazon’s Alexa zieht jetzt auch in Seat Automobile ein. Wer sich also nicht nur in der Wohnung abhören lassen möchte, sondern auch gleich im Auto, kann sich Alexa jetzt bei Seat bestellen. Der große Bruder schaut und hört Ihnen auf Immer und Ewig äußerst gerne zu …!


Früher Stasi, heute Alexa

Wie schön das Leben doch sein kann. Während in China derartige Systeme (z.B. WeChat) schon an Staatssysteme, wie Finanzamt und Gesundheitskassen angeschlossen sind, sammelt die vermeintlich harmlosere US-Variante von Amazon heimlich, still und leise „nur“ Ihre Daten. Alexa speichert Ihre Schlaf-, Essens-, Unterhaltungs-, Sport- und Alltagsgewohnheiten ab, merkt sich Ihre Wohn- und Urlaubsorte, hört bei Ihren Auseinandersetzungen in der Familie zu und weiß die Namen Ihrer Kinder Ihrer Haustiere – und Ihrer Liebhaber.

Und als wäre das nicht genug, vernetzen Sie dieses Ding auch noch mit allem, was Sie besitzen. Licht, Heizung, Sprenkleranlage, Ofen, Mikrowelle, Waschmaschine, Sicherheits- und Alarmsystem – um nur einige zu nennen. Und Alexa speichert Ihre Vorlieben natürlich gerne ab. Sonntag Abend ab 18 Uhr darf es zum Rotwein gerne Carla Bruni’s softer Jazz sein? Die warme LED-Leiste aus der Küche strahlt passend dazu, während sich Alexa auch noch um die richtige Bestrahlung Ihrer über Amazon gekauften Petticoatpalme im Garten kümmert. Und Amazon-Chef Jeff Bezos freut sich derweil über die sicherheitsrelevanten Daten Ihres Hauses.

Wer sich einmal das Datenpaket von Apple über die persönliche Dokumentation der letzten Jahre zuschicken hat lassen, weiß, wie krass sein Leben auf irgendwelchen Servern US-Amerikanischer Firmen abgespeichert wird. Und ein iPhone merkt sich nur Standorte, aufgerufene Seiten, Bilder und die gesamte – schriftliche – Kommunikation. Alleine das erinnert an die Stasi. Alexa speichert weitaus mehr – und lernt dazu. Amazon sichert natürlich absoluten Datenschutz zu. Ist klar, wir wissen ja wie das läuft.

Und für was das alles preisgeben? Im Gegenzug nimmt Ihnen Alexa die letzten Unbequemlichkeiten, die jene Entwicklung zum langsamen Dahinvegetieren auf Omas Couch noch irgendwie verhindert hätten. Die Technik siegt immer, ich weiß. Und Ihnen scheint es das offensichtlich wert zu sein. Unfassbar.

Die NDR-Satireshow extra 3 hat diesen höchst beunruhigenden Zusammenhang einmal sarkastisch aufbereitet:

Seat und Alexa in Zukunft eine Einheit

Zurück zum eigentlichen Thema. Wer nun auch seinen sehr begrenzten und persönlichen automobilen Raum zur Abhörstation machen möchte, kann sich ab sofort Alexa auch in seinen Seat bestellen. Großartig. Während es früher für die Stasi noch relativ schwierig war, unbemerkt Leute zu überwachen, lassen Sie sich heute sogar freiwillig überwachen – und zahlen auch noch dafür. Besser kann es für den größten Bruder der Welt gar nicht laufen.

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Das witzige dabei ist das Eigenlob Seats: „wir bleiben Vorreiter der Vernetzung.“ Also erst einmal lacht sich Tesla über diesen Satz kaputt. Denn so viele Vernetzungsmöglichkeiten wie die wirklichen Pioniere – wenn man sie denn so nennen mag – bietet Seat nicht einmal im Ansatz. Und zweitens ist man nicht Vorreiter der Vernetzung, wenn man sich ein Sprachsystem eines anderen Herstellers in seine Produkte einpflanzt. Damit ist man Mitläufer ohne eigenen Verstand.

Wieso nicht das eigene System aus dem Konzern nehmen?

Audi ist ganz klar ein Vorreiter dieser Technologie. Die Ingolstädter setzen auf ein eigenes Sprachsystem – und es funktioniert gut und erfüllt die relevanten Dinge. Klar, eine Küche über Amazon kann man damit nicht bestellen. Aber man muss sich doch einmal die Frage stellen: braucht man das überhaupt? Mir würde wohler, wenn meine (deutlich weniger) Daten bei Audi in Ingolstadt, als bei Amazon in den Vereinigten Staaten gespeichert wären.

Seat nimmt also das System von Amazon und verzichtet auf das von Audi. Gut, möglicherweise will Audi auch nicht, dass Seat das System bekommt. Aber sinnvoll wäre es, wenn man schon im selben Konzern ist. Das gefällt mir nicht. Mir gefällt auch nicht die Argumentation von Seat:

Unser Leben wird immer schneller und ist immer enger „getaktet“. Doch ab sofort können Seat Kunden – dank Alexa von Amazon – ihre Zeit hinter dem Steuer optimieren. Ob sie nun Termine planen, einkaufen, Musik abspielen, zu „Points of Interest“ navigieren, individuell zugeschnittene News in Echtzeit abrufen oder den nächstgelegenen Seat Händler finden möchten: Alexa ist stets zur Stelle.

Aha. Und weil unser Leben immer schneller wird und immer enger getaktet ist, benötige ich Systeme, die mich elektronisch unterstützen, meine Amazon-Bestellungen vom Auto aus zu tätigen. Alles klar, Seat.

Die neuen Audi A6, A7 und A8 verfügen über eine insgesamt überzeugende Sprachbedienung:

Benjamin Brodbeck

Benjamin Brodbeck ist 27 Jahre alt und studierte Automobilwirtschaft bei Prof. Dr. Diez. Danach wechselte er an die Universität Wien, wo er Publizistik- und Kommunikationswissenschaften studierte und mit dem akademischen Grad 'Magister der Philosophie' abschloss. Neben seiner Tätigkeit als Jazz-Pianist bringt er seine Leidenschaft für und sein Wissen von Automobilen in Form und Sprache als Publizist bei AUTOmativ.de sowie zahlreichen weiteren Plattformen zum Ausdruck.

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