Test neuer Audi RS4 Avant: Langstreckensportler für Kind und Kegel – und Grünverschnitt

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Die längliche Kombi-Grundform eines Serien-A4 Avant strahlt nicht gerade das Potential für höchste Performance aus. Doch ich staune jedes Mal von Neuem, wenn die Quattro Gmbh – bzw. jetzt neuerdings als Audi Sport firmierend – einen eher konservativen Serien-A4 Avant zu einem verdammt gut aussehenden Performance-Sportler umbaut. Der neue Audi RS4 Avant ist seit 1994 genau das – nur eben mit viel Platz für Kind, Hund und Kegel. Und auch mal für das Abtransportieren von Grünverschnitt. Ich durfte die vierte Generation schon einmal über die Bergkämme in der Nähe von Málaga scheuchen.


 

Schwarze Kontrastelemente, viel optionales Karbon am Exterieur

Verdunkelte Scheinwerfer, ein in Schwarz Hochglanz lackierter Kühlergrill, größere Lufteinlässe – ebenfalls in Schwarz Hochglanz getaucht – und der quattro-Schriftzug mustern mich schon beim ersten Blickkontakt. Ich sehe, dass er deutlich breiter ist als ein normaler A4. Die um pro Seite 30 Millimeter ausgestellten Kotflügel werden an den Scheinwerfern und Rücklichtern durch lackierte Kunststoff-Luftströmerblenden kaschiert und spenden den optionalen 20 Zoll großen und geschmiedeten Felgen Schatten. Optional bietet Audi Sport sogar aus dem vollen gefräste Räder an, die – wie ich finde – eine der schönsten Serienräder überhaupt sind. Leider sind diese an diesem Tag nicht auf meinem Testfahrzeug montiert.

Galerie: Audi RS4 Avant 2018 im Test

Audi RS4 Avant 2018 im Test
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Meine Hand passt nicht zwischen Reifen und der in Sonomagrün Metallic schillernden Karosserie. Kein Wunder, schließlich ist der Audi RS4 Avant noch einmal um sieben Millimeter tiefer als der schon sportliche S4 Avant. Hinter den 20 Zöllern lauern Stahlbremsen mit schwarzen Bremssätteln – optional gibt es diese für 400 Euro Aufpreis noch in Rot. Oder man kauft sich gleich die Keramikscheiben für 6.000 Euro, dann hat man kein Problem mehr mit Bremsstaub und Wartung und erhält die Bremssättel in Silber. Aufpassen nur damit die Enttäuschung nicht zu groß ist: Keramik gibt es nur für die Vorderachse.

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Ein normaler A4 ist das schon lange nicht mehr. 20 Zöller und wenig Bodenfreiheit machen ihn zu einem echten Familiensportler.

Die Optionslistenpolitik für Exterieur- und Interieurpakete und -optionen von Audi Sport ist für den RS4 Avant ähnlich wie für den RS5. So gibt es für das Exterieur verschiedene Optikpakete, die entweder die in Schwarz Hochglanz gehaltenen Kontrastelemente meines Testwagens oder aber weitere Karbon- sowie matte Chromelemente beinhalten.

Immer dieses leidige Thema: der Sound der Audi RS4 Avant

Ich flankiere die 4,78 Meter lange Seitenlinie und werfe ein Blick auf das Heck. Ein verlängerter Dachkantenspoiler sorgt in Kombination mit dem präsenten Diffusor in Schwarz Hochglanz für optimalen Anpressdruck. Gerade bei 280 Km/h Höchstgeschwindigkeit – wenn man sich das optionale RS-Dynamikpaket bestellt – liefern diese beiden Elemente auch bei dieser Geschwindigkeit noch einmal mehr Stabilität.

In den Diffusor bündig eingelassen sind die beiden, für RS Modelle typischen ovalen Endrohre – ebenfalls in Schwarz Hochglanz. Sie sind in dieser Konfiguration das Erkennungsmerkmal für die optionale RS-Abgasanlage, die laut Stefan Winkelmann – Chef von Audi Sport – absolut am gesetzlichen Maximum arbeitet.

Ich kenne die Abgasanlage des Vorgängers mit V8-Motor, der damals noch ohne Turbolader auskam und ebenfalls über 450 PS verfügte. Und ich liebe den Klang eines V8 – dieses V8. Aber die Zeiten ändern sich – selbst für Akrapovic wird es langsam eng, wenn er für seine Anlagen eine europäische Zulassung möchte. Und so bleibt uns allen nichts anderes übrig, als die gesetzlichen Rahmenbedingungen die Umwelt betreffend hinzunehmen und mit Vorhandenem Spaß zu haben. Auch die AMG-Derivate wird es bei deren Modellwechsel treffen. Ehrlich gesagt: mit der RS-Analage, die bei meinem Fahrbericht mit dem RS5 noch nicht verbaut war, fällt es gar nicht so schwer Spaß zu haben.

2,9 Liter V6-Biturbo arbeitet auch im RS4 Avant

Edel geht die Welt zugrunde. Dass durch die vierte Generation Audi RS4 Avant die Welt nicht zugrunde geht, beweist das 2,9 Liter Biturbo-Aggregat mit 450 PS und 600 Nm Drehmoment, das auch schon im Audi RS5, in den Porsche Panamera S und 4S-Modellen sowie bei den gleichmotorisierten Cayenne-Derivaten arbeitet. Durch seine saubere Verbrennung saugt es im Stand und bei niedrigen Drehzahlen im Teillastbereich in einer Metropole vorne meist qualitativ schlechtere Luft an, als es hinten wieder ausstößt. Das gilt übrigens für viele Turbomotoren.

Klar, der neue Motor dreht nicht mehr so hoch und kreischt nicht mehr, ist aber auch um 31 Kilogramm leichter geworden und hat an Drehmoment deutlich zugelegt. Sehen wir immer das Positive – auch das dürfte bei seiner Gesamtperformance nicht allzu schwer fallen. Und: er gefällt mir deutlich besser als der 3,0 Liter Motor aus dem S4/S5 oder Porsche Panamera S-Vorgänger. Erstens ist der 2,9 Liter komplett neu entwickelt und zweitens klingt der 2,9 Liter auch satter und hängt deutlich besser am Gas.

Was allgemein aber nicht so cool ist und mir allgemein an diesen Performance-Kombis nicht gefällt ist das Gewicht. Der neue Audi RS4 Avant ist zwar insgesamt leichter geworden, wiegt aber immer noch knapp 1,8 Tonnen – inklusive Fahrer. Die entstehende Querbeschleunigung in Kurven müssen Reifen erst einmal halten.

Feinnappe und Wabenmuster mit grünen Nähten

Sollte der Fall des Weltuntergangs doch eintreten, beobachtet man dieses Ereignis auf Feinnappasitzen in Wabenstruktur, grünen Ziernähten und grüner Ambientebeleuchtung – passend zur Außenfarbe. Natürlich ist das ganze als Paket optional und wie immer teuer, sieht aber umwerfend aus und fühlt sich an, als wären Ihre Haare zehn Mal hintereinander mit Bienenwachs-Conditioner gewaschen worden.

Den Rest des Interieurs kennen wir vom RS5 und vom Serien-A4. Karbon- und Aluelemente verfeinern das Cockpit noch zusätzlich. Bevor ich starte, werfe ich einen Blick über meine rechte Schulter auf die Rückbank – auf der ich anfangs kurz gesessen bin – und lasse meinen Blick an das Ende der Karosserie schweifen. Ganz schön lang – fast wie eine Kleintransporterladefläche. Kinderwagen, Grünverschnitt und/oder Hund dürften hier zusammen mit zwei Kindern zweifelsohne transportiert werden können. Wem die 505 bzw. 1.510 Liter Kofferraumvolumen nicht reichen, kann auch noch 2,1 Tonnen als Anhänger mit sich führen. Ein Arbeitsgerät kann so schön sein!

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Porsche-Performance kann er, aber wie!

Dass im Volkswagen-Konzern Entwicklungs-Kooperationen laufen, ist nichts Neues. Dass zwischen Porsche und Audi im Performance-Segment Komponenten ausgetauscht werden, war schon beim allerersten RS4 Avant – dem RS2 Avant üblich. Damals entwickelte Porsche Fahrwerksteile, wie Bremsen und Räder und nahm auch die komplette Fahrwerksabstimmung vor. Vielleicht hat man beim neuen Audi RS4 Avant auch den ein- oder anderen Porsche-Einfluss walten lassen. Who knows.

Schon beim Start des Motors umgibt einen das bassige und sonore Wummern der Abgasanlage. Es wirkt präsenter, da der Klangkörper des Audi RS4 Avant größer ist, als der des RS5. Es ist wohlig warm und in keiner Drehzahl unangenehm oder störend. RS-typisch muss man – selbst wenn man in einer Kurve steht – das Gaspedal gleich bis zum Bodenblech durchdrücken. Alles andere macht ja keinen Spaß. Schließlich würde ich auch meine zukünftige Familie daran teilhaben lassen wollen. Wenn sich denn mal jemand dazu bereit erklären würde.

Leichtes Verzögerungs-Veto beim Lupfen

Meinen Körper drängt es in die rechte Sitzwange, die offensichtlich keinen allzu großen Widerstand meiner 65 Kilogramm leichten Person aufbringen muss. Doch man merkt: sie tut es ohne einschränkend auf die Ellenbogen beim Lenken und Übergreifen zu wirken. Den Oberkörper kann man also entspannt loslassen und nur die Arme in die richtige Stellung zur jeweils anstehenden Kurve bringen – perfekt.

Der kleine Sechszylinder-Turbo hängt am Gas wie eine Katze an ihrer frisch gefangenen Maus. Nur beim Lupfen des Gaspedals fällt auf, dass der Turbomotor ein Verzögerungs-Veto einreicht. Bei Extrembelastung muss man dieses Veto einfach mit der Bremse kaschieren – man gewöhnt sich dran. Auf der kurvigen Landstraße (siehe Video oben) klebt der Audi RS4 Avant auf dem Asphalt und scheucht seine Existenz mit mörderischem Tempo durch die Prärie. Gut, dass ich für sein Verhalten nicht verantwortlich bin.

Schon die Serienbremsen packen Porsche-typisch zu und steigern sich in der Mitte einer S-Kurve so in das Geschehen ein, dass ich sie auch weglassen kann. Denn der Allradantrieb in Kombination mit der ausgewogenen Gewichtsverteilung, den Klebereifen und der messerscharfen Lenkung schenkt sich einfach einen Bremseingriff. Alles nach dem ausgelutschten und so oft zitierten Motto: „wer bremst, verliert.“

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Fazit Audi RS4 Avant

 Optischer Eindruck  +++++
 Qualität Karosserie  +++++
 Qualität im Interieur  +++++
 Lenkung  +++++
 Fahrwerk  +++++
 Motor  +++++
 Raumangebot  +++++
 Digitales Bedienkonzept  ++++
 Innovation  +++
 Preis  ++++
 Gesamteindruck  +++++
   +++++ = Maximum

Der Audi RS4 Avant ist absolut alltagstauglich. Kann mit Familie, als Geschäftsauto oder auch für Musiker mit analogen oder digitalen Instrumenten bevölkert werden. Er verfügt über eine phänomenale Kurvenpower, sieht verdammt gut aus und ist im Interieur als auch am Exterieur eine haptische Freude. Dem gibt es nichts hinzuzufügen – außer vielleicht die optischen Fake-Luftströmer neben Scheinwerfern und Heckleuchten: Audi, hast Du solche Tuningteile ohne Funktion echt nötig? Ich nehme es vorweg: wohl eher nicht.

Benjamin Brodbeck

Benjamin Brodbeck ist 27 Jahre alt und studierte Automobilwirtschaft bei Prof. Dr. Diez. Danach wechselte er an die Universität Wien, wo er Publizistik- und Kommunikationswissenschaften studierte und mit dem akademischen Grad 'Magister der Philosophie' abschloss. Neben seiner Tätigkeit als Jazz-Pianist bringt er seine Leidenschaft für und sein Wissen von Automobilen in Form und Sprache als Publizist bei AUTOmativ.de sowie zahlreichen weiteren Plattformen zum Ausdruck.

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