Toyota GR Yaris (2021) im Test und Deep-Dive: WRC-Rallyeauto für alle!

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Wer – wie ich – der Zeit der Subaru Imprezas und Colin McRaes nachtrauert, hat jetzt allen Grund einmal ‚Danke‘ zu sagen. Danke Toyota für dieses Auto, das bei uns in der AUTOmativ-Redaktion zwar nicht ohne Kritik auskommt, aber so leidenschaftlich-radikal ist, dass man ganz Japan dafür ehren sollte. Wir hatten den Toyota GR Yaris mit High-Performance-Paket in Karmina Rot im ausführlichen Test!


Der Toyota GR Yaris hat keinen Heckscheibenwischer. Der Spurhalte-Assistent funktioniert, ist aber technologisch auf einem Niveau von 2010. Die Fernlichtautomatik reagiert immer etwas zu spät, der Dreizylinder überträgt seine Unruhe je nach Stimmung ins Cockpit und der Kraftstoffverbrauch ist mit 9 Litern bei Großmutters und 15 Litern bei meinem Fahrstil immens.

Dazu sitzt man gefühlt wie ein Affe auf dem Schleifstein, zumindest vermittelt einem das die hohe Sitzposition. Der Innenspiegel in Kombination mit dem in die Jahre gekommenen Multimediasystem tut alles dafür, um einen Teil des Sichtwinkels nach vorne einzuschränken. Und: Der Sound am Endschalldämpfer gleicht einer Luftpumpe.

Was zeichnet ihn also aus? Die einfach Antwort: Alles andere. Alles andere ist so konsequent entwickelt, dass ich nicht mehr von ihm loslassen will. Ich erzähle Ihnen jetzt, warum.

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Der Toyota GR Yaris steht in vier Karosserielackierungen zur Wahl: Schneeweiß, Precious Schwarz Metallic, Platinum Weiß Perleffekt und in Karmina Rot Metallic (3-Schicht-Lack).

261 PS aus einem Dreizylinder

Dieser kleine Allradler mit zwei Torsen-Differenzialen – eines an Vorder-, das andere an der Hinterachse – hat es gewaltig hinter den Ohren. Nicht nur bläst er seine beiden Backen optisch auf, sondern auch technisch: Ganze 261 PS und 360 Nm Drehmoment entlocken die Japaner dem kleinen 1,6-Liter-Dreizylinderaggregat.

Das ganze Auto ist eine Ableitung aus dem WRC-Rallyesport – ein Fahrzeug, dessen Schöpfer – man sagt es ist Akio Toyoda – die Homologationsregeln für die Rallyemeisterschaft sehr ernst genommen hat. Und das äußerst sich zum Beispiel darin, dass jenes 1.618 cm3 Dreizylinderaggregat nicht nur das für ein Straßenauto leistungsstärkste der Welt ist, sondern auch vollständig die Grundlagen des technischen Reglements für die WRC2-Klasse erfüllt.

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Und da spielt es keine Rolle, ob der kleine Racker handgerissen (Doppelkupplungsgetriebe ist (noch) nicht verfügbar) 5,5 Sekunden braucht, um seine 1.280 Kilogramm (4,9 Kg/PS) auf 100 Km/h zu stemmen. Und auch ist es okay, wenn so eine Maschine bei „nur“ 230 Km/h Höchstgeschwindigkeit eingenordet wird.

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Der Dreizylinder-Motor des GR Yaris verfügt über eine kombinierte Saugrohr- und Direkteinspritzung. Sie sorgt mit einem hohen Einspritzdruck von 220 bar für eine feinere Zerstäubung der Kraftstoffwolke. Die gezielte, starke Luftverwirbelung in den Brennräumen unterstützt die Verteilung des Benzins zusätzlich und verbessert die Motorleistung.

GR Yaris mit Single-Scroll-Turbolader

Der Motorblock des Dreiyzlinders mit Vierventiltechnik verfügt über optimierte Wandstärken. Das senkt die Masse. Das gleiche gilt für die nochmals feiner ausbalancierte Kurbelwelle. Getrennte Abdeckungen für die Steuerkette und ein flacherer Kühlwassermantel sorgen für weitere Gewichtseinsparungen.

Die Ventile sind stärker angewinkelt, die Ventilsitze haben eine exzentrische Anordnung und die Auslassventile kommen mit überdurchschnittlich großem Durchmesser. Die Schäfte der leichten Kolben verbessern mit reibungsärmeren Oberflächen die Kraftstoffeffizienz, während das Hauptlager die Ölversorgung optimiert. Darüber hinaus kommt der Motor mit hochfesten Pleuelstangen, einem hydraulischen Ventilspielausgleich, Nockenwellen mit einem leicht konkaven Radius und einer Hochleistungs-Zündspule.

Der Turbo-Allradler entsteht exklusiv in einer neuen Fertigungsanlage innerhalb des japanischen Motomachi-Werks von Toyota. Er wird mit viel Mühe und Handwerkskunst größenteils von Hand aufgebaut.

Es gibt allein so viel über den Motor zu sagen, dass Akio Toyoda darüber wahrscheinlich Bände füllen könnte. Kurz zur Komponente ‚Turbolader‘: Ein kleiner Dreizylinder braucht für eine so hohe spezifische Leistung komprimierte Luft. Dafür ist ein entsprechend dimensionierter Turbolader notwendig.

Ein großer Turbolader, vor allem mit Single-Scroll-Technik, birgt immer auch den Nachteil eines großen Turbolochs. Um dies möglichst gering zu halten, hat sich Toyota ein neues Dichtungskonzept in Verbindung mit einem speziellen Kugellager ausgedacht, das Reibungsverluste minimiert und auf diese Weise die Effizienz erhöht. Die Anordnung der Steuerungselemente nah am Wastegate-Überdruckventil unterstützt den Gasfluss auf der Turbinenseite schon bei niedrigen Drehzahlen und überbrückt so das Turboloch. Das Bypass-Ventil kontrolliert den Ladedruck und verhindert eine Überlastung. Darüber hinaus wurde der Turbolader in den Abgaskrümmer integriert, das spart wieder Gewicht. Clever.

Galerie: Details Interieur Toyota GR Yaris (2021)

Details Interieur Toyota GR Yaris (2021)
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Wie auch bei Rallye-Fahrzeugen üblich, besitzt der GR Yaris einen konventionellen Handbremshebel. Wird er gezogen, entkoppelt eine spezielle Funktion der Differenziale den Hinterachsantrieb.

Das Gedicht der Fahrdynamik schreibt der GR Yaris

Seine Fahrdynamik lässt sich kurz und knapp beschreiben: Grip wie Sau. Es ist Wahnsinn, wie sich der GR Yaris selbst mit Winterreifen bei 12 Grad Außentemperatur in den Asphalt gräbt. Abnormal hohe Kurvengeschwindigkeiten und eine enorme Stabilität sind die Folge eines echten und ehrlichen Allradantriebs, dessen Kräfteverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse über den Fahrmodusschalter geregelt wird.

Mit dem optionalen High Performance-Paket für 4.500 Euro Aufpreis bekommt man nicht nur rote Bremssättel (das könnte man ja selber machen), sondern an Vorder- und Hinterachse zusätzlich je ein Torsen-Sperrdifferenzial.

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Wie vorhin schon erwähnt, wurde beim Toyota GR Yaris auf jedes Gramm geachtet – natürlich immer in Relation zu den Kosten. Der Kompromiss, der dabei herausgekommen ist, ist eigentlich kein Kompromiss. Es gibt sogar ein Carbon-Dach serienmäßig, das nochmal 3,5 Kilogramm einsparen soll – und das an fahrdynamisch extrem wichtiger Stelle. Gepresst, nicht gewebt ist es. Aufpassen muss man als Kunde bei der Qualität des Carbondachs. Einige Probleme scheint es mit der Qualität zu geben. Das Carbondach unseres Testwagens war perfekt und ohne Wellen – das sollte auch bei Kundenfahrzeugen als Maßstab dienen.

Dazu fertigt Toyota Motorhaube, Heckklappe und Türen aus Aluminium. Dies führt zu einer Gewichtsreduzierung von weiteren 24 Kilogramm. Insgesamt erreicht der Anteil von Aluminium an der Karosserie des GR Yaris rund zehn Kilogramm. Hierdurch wiegt sie 38 kg weniger als jene des entsprechenden Yaris-Vorgängermodells.

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Die innenbelüfteten Bremsscheiben an der Vorderachse sind 356 mm groß und treten gemeinsam mit leichten Vierkolben-Aluminium-Bremssätteln auf. Letztere werden in Kombination mit dem High Performance-Paket rot lackiert und mit einem „GR“-Logo versehen. Die hinteren, ebenfalls innenbelüfteten Scheiben besitzen einen Durchmesser von 297 mm und Zweikolben-Bremssättel aus Aluminium.
Außenabmessungen Toyota GR Yaris
Radstand2.560 mm
Gesamthöhe1.455 mm
Gesamtlänge3.996 mm
Karosserieverbreiterung vorne+40 mm
Karosserieverbreiterung hinten+15 mm
Gesamtbreite1.805 mm
Die Aerodynamik des GR Yaris profitiert von einer Dachlinie, die an ihrem hintersten Punkt gegenüber dem Standardmodell um 95 mm flacher verläuft. 

Fazit zum Toyota GR Yaris (2021)

Dass Toyota mit dem GR Yaris Geld verdient, ist ausgeschlossen. Es ist ein Auto für die Fans. Für ihre jahrelange Treue und für ihre Liebe zum Motorsport. Dass derartige Autos in unserer derzeit ernsten, von CO2 getriebenen Autowelt noch existieren, ist eine Wonne, die man gar nicht zu sehr schätzen kann.

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Übertreibe ich, wenn ich sage: Dieses Auto ist ein kleiner Supersportler für einen überaus fairen Preis? Ist dieses Auto wirklich so krass, als dass man es als Supersportler betiteln kann? Die einfache Antwort ist: Ja. Wer auf der Suche nach einer Fahrmaschine ist, kommt in diesen Zeiten am Toyota GR Yaris nicht vorbei. Er ist optisch keine Schönheit, dafür bietet er ein enormes Niveau an Fahrfreude. Und irgendwie sieht er doch ganz heiß aus.

Bewertung Toyota GR Yaris (2021)
Optischer Eindruck+++++Sitzt stämmig und satt auf der Straße, Monster-Kühlergrill, alles senkrecht und rechtwinklig
Qualität Karosserie++++Ordentliche Verarbeitung, gleichmäßige Spaltmaße, top Qualität des Carbondachs
Lackqualität Karosserie+++++Mehrschicht-Metallic-Lackierung, keine Orangenhaut
Qualität im Interieur+++Einfaches Interieur, viel Hartplastik, ordentliche Verarbeitung
Sitzkomfort Cockpit+++Sitzposition zu hoch
Sitzkomfort Fonds+Man kann sitzen, aber angesichts der niedrigeren Dachlinie unbequem
Digitales Bedienkonzept++Multimediasystem wirkt alt, Apple CarPlay rettet die Bedienung
Raumangebot (bezogen auf das Segment)+++Gute Platzverhältnisse für die Fahrzeuggröße
Innenraumgeräusch / Dämmung+++Hohe Fahrgeräusche
Lenkung+++++Exzellentes Lenkgefühl, hohe Präzision
Spurtreue++++Guter Geradeauslauf
Fahrwerk+++++Perfekt abgestimmt, nicht variabel
Motor++++Lineare Leistungsentfaltung, angenehme Dosierung, aber unruhig
Getriebeabstimmung+++++Knackiges Getriebe, sehr präzise
Innovation+++++Eine mechanische Innovation, Wunderwerk der Technik
Preis+++++Mit rund 38.000 Euro Testwagenpreis fast schon zu günstig für seine Fahrleistungen
Gesamteindruck+++++
 +++++ = Maximum
Es gab schon einmal eine sehr sehr heiße Version des Toyota Yaris: Den Yaris GRMN. Verdammt gutes Auto, aber bei Weitem nicht so konsequent wie der neue GR Yaris. Ein Vorbote vielleicht?

Benjamin Brodbeck

Benjamin Brodbeck ist 30 Jahre alt und studierte Automobilwirtschaft bei Prof. Dr. Diez. Danach wechselte er an die Universität Wien, wo er Publizistik- und Kommunikationswissenschaften studierte und mit dem akademischen Grad 'Magister der Philosophie' abschloss. Neben seiner Tätigkeit als Jazz-Pianist bringt er seine Leidenschaft für und sein Wissen von Automobilen in Form und Sprache als Publizist bei AUTOmativ.de sowie zahlreichen weiteren Plattformen zum Ausdruck.

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