Polestar 2 (300 kW) gefahren: Top Gesamtpaket, aber fehlender „Will-Haben“-Faktor

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Noch nie Polestar gefahren? Dann wird es Zeit. Denn der Polestar 2 ist etwas Besonderes: Er ist ein eigenständiges Elektroauto zwischen SUV, Limousine und Sport-Coupé. Die Qualität stimmt, die einzelnen Komponenten machen Sinn, die Digitalisierung ist umfangreich und erstaunlich gut zu bedienen. Und nicht zuletzt ist der Preis ab 43.000 Euro ziemlich heiß für dieses Gesamtpaket. Und doch würde ich ihn nicht kaufen. Warum? Das lesen Sie im Folgenden.

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Nett haben Sie es hier: Schlichtes, schwedisches Design gepaart mit solider Verarbeitung im Polestar 2.

Polestar mit Motorsport-Genen

Der ehemalige Rennstall und die Tuning-Schmiede „Polestar Engineered“ von Volvo veredelt den Großteil der schwedisch-chinesischen Fahrzeuge schon ab Werk. Schon seit rund 5 Jahren ist Polestar eine Eigenmarke mit eigenen Autos – auf Basis von Volvo Fahrzeugen. Die Nomenklatur der Modelle ist einfach – Polestar 1 und Polestar 2. Anzunehmen, dass die Benennung bei weiteren Modellen fortgeführt wird.

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Ein echtes Highlight: die nahezu rahmenlosen Außenspiegel, die mit ihrer Flächigkeit Modernität und Großzügigkeit mit ins Fahrzeugdesign bringen. Tatsächlich ein nicht zu unterschätzendes Element, denn die Außenspiegel hat man alle paar Sekunden im Blick und diese hier wirken sehr avantgardistisch.

Unser Polestar Testwagen kostete als „Long-Range“ mit 78 kWh großem Akku (Brutto-Wert) und 300 kW Leistung auf alle vier Räder knapp über 50.000 Euro. Der Grundpreis des Polestar 2 liegt bei 43.700 Euro. 600 Nm kommen dank zwei PSM-Maschinen (permanent erregte Synchronmaschinen) an Vorder- und Hinterachse zum Einsatz. Und das ist echt schon nochmal eine andere Liga als die MEB-Modelle des Volkswagen-Konzerns, wie zum Beispiel ID.5 GTX oder Skoda Enyaq Coupé RS iV.

Denn die Beschleunigung aus dem Stand in 4,7 Sekunden mit sofort anliegendem maximalen Drehmoment zu erleben, ist cool.

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Unser Testwagen war darüber hinaus mit dem optionalen „Performance-Paket“ ausgestattet. Das beinhaltete in der noch aktuellen Fahrzeuggeneration geschmiedete 20-Zoll-Alus mit SportContact 6 Contis, goldene Brembo Vierkolben-Aluminium-Bremssättel vorne, belüftete Lochbremsscheiben, Öhlins verstellbare Stoßdämpfer mit Doppellströmungsventil, goldene Ventilkappen und goldene Sicherheitsgurte vorne und hinten.

Das Performance-Paket des Polestar 2 mit Modelljahr 2023 beinhaltet auch eine Leistungssteigerung auf 350 kW bzw. 476 PS sowie 680 Nm Drehmoment. Damit geht es aus dem Stand in 4,4 Sekunden. Dieses Leistungs-Upgrade hatte unser Testwagen noch nicht.

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Ein recht großer Frunk unter der vorderen Haube: So muss das sein!

Fahrwerk mit Öhlins-Stoßdämpfern springt

Bevor hier wieder Kritik kommt: Ich weiß Stoßdämpfer der Marke Öhlins durchaus zu schätzen. Ich schätze auch die Person oder auch die Personen, die bei Volvo und Polestar hinter qualitativ überdurchschnittlich hochwertigen Fahrzeugkomponenten stehen und das vor dem Einkauf wieder und wieder rechtfertigen müssen. Dazu gehören beispielsweise die Bremsanlage, Teile der Innenausstattung mit den Sitzen und – natürlich – die Öhlins-Stoßdämpfer.

Bislang haderten wir aber immer mit den Öhlins Stoßdämpfern, zuletzt beim Volvo XC60 T8 Polestar. Nicht nur weil es bei diesem Auto keinen Sinn macht, sondern auch weil die manuell-mechanische Verstellung einfach viel zu kompliziert ist. Und auch eine vermeintlich gute Einstellung dieser „feinen Dämpfereinheiten“ das Fahrzeug hoppeln ließ.

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Auch hinten hat man viel Platz.

Und so ist es auch hier beim Polestar 2. Zwar kann man die Dämpfer nicht mehr selbst am Auto per mechanischem Regler vornehmen – die Werkstatt muss das machen – aber die Charaktereigenschaft des Fahrwerks bleibt: Es lässt das Auto hoppeln und springen. Besonders auf schlechten Autobahnen und Überlandstraßen nervt das. Dämpfer müssten über Knopfdruck aus dem Interieur steuerbar sein. Und wenn sie es nicht sind, dann so, dass man damit auch im Alltag fahren kann. Selbst für die Nordschleife hätte diese Dämpfereinstellung keinen Sinn gemacht, weil einfach zu hart.

Diese individuelle Sache mit den Öhlins Stoßdämpfern ist eine coole Idee und besondere Sache, aber macht für das Gesamtfahrzeug keinen Sinn. Jetzt mit der neuen Modellgeneration mit mehr Leistung vielleicht – aber dann auch mit einem ordentlichen Mapping. Die Lenkung hingegen ist super direkt und präzise abgestimmt.

Polestar 2 ab 2023 mit leichtem Facelift

Erste Erlkönige wurden bereits gesichtet: Die Schweden überarbeiten ihren Polestar 2 ganz leicht. Ein veränderter Kühlergrill vorne, ein angepasstes Felgendesign sowie ein leicht verändertes Interieurdesign könnten das Facelift modernisieren. Darüber hinaus könnte es sein, dass die Leistung des Performance-Pakets Serie für den Long-Range Dual-Motor-Polestar 2 werden könnte.

Fazit zum Polestar 2 mit 300 kW

Der Polestar 2 als Long-Range mit 300 kW Leistung und 78 kWh großem Akku (brutto) liefert ein rundes Paket ab. Die Qualität und die Verarbeitung am Exterieur sowie im Interieur stimmt, die Fahrdynamik – mit Ausnahme des meines Erachtens nicht gut abgestimmten Fahrwerks (Öhlins-Stoßdämpfer) -, lässt für den alltäglichen Umgang kaum Wünsche offen, es ist genug Platz vorhanden und die Elektronik lässt sich in alle Richtungen gut und intuitiv steuern. Also warum nicht für den Polestar 2 entscheiden?

Die Sache mit der Seele. Das Auto ist glatt, modern, gut aussehend, zukunftsorientiert. Aber es fehlt der Charakter. Keine Ecken, keine Kanten, kein richtiger Fahrspaß, denn alles ist irgendwie (ab)geregelt. Schon ein bisschen spießig. Wer also das Abenteuer mit seinem (Elektro-)Auto sucht, ist beim Polestar 2 nicht richtig aufgehoben. Wer aber ein bisschen Future, ein tolles Design sowie ein gut zu fahrendes Auto haben möchte, ist genau richtig. Denn die preisliche Gestaltung stimmt auch.

Und dann noch dieser Hinweis: In Zeiten stockender Globalisierung, Handelskriegen und Konzentration auf den Aufbau der eigenen Märkte ist vor einer Entscheidung eines Produkts auch immer der jeweilige Hintergrund des Unternehmens zu berücksichtigen. Im Falle der Schweden mit Polestar und Volvo waltet der chinesische Hersteller Geely im Hintergrund. Klar entscheidet am Ende auch bei der Kundschaft das beste Produkt zum attraktivsten Preis. Alternativen zum Polestar 2 gibt es aber durchaus auch von europäischen Marken.

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1.200 Euro Aufpreis kostet die Außenfarbe „Snow“ beim Polestar 2. Kostenlos ist „Magnesium“ (einzige Farbe ohne Aufpreis).

Benjamin Brodbeck

Benjamin Brodbeck ist 32 Jahre alt und studierte Automobilwirtschaft bei Prof. Dr. Diez. Danach wechselte er an die Universität Wien, wo er Publizistik- und Kommunikationswissenschaften studierte und mit dem akademischen Grad 'Magister der Philosophie' abschloss. Neben seiner Tätigkeit als Jazz-Pianist bringt er seine Leidenschaft für und sein Wissen von Automobilen in Form und Sprache als Publizist bei AUTOmativ.de sowie zahlreichen weiteren Plattformen zum Ausdruck.