Test Kia e-Niro Spirit (64 kWh, 150 kW): Aufwachen – Asien steht vor der Tür!

Wenn Sätze, wie zum Beispiel „China ist der Vorreiter der Elektromobilität“ oder „deutsche Autobauer haben alles verschlafen“ fallen, kann es schon vorkommen, dass sich meine Zehennägel kräuseln. Denn „alles verschlafen“ impliziert eine Art Endgültigkeit – und das ist definitiv nicht der Fall. Wahr ist aber, dass es den Kia e-Niro jetzt schon gibt. Und er verdammt gut ist. Ich fuhr den ab Frühsommer 2019 erhältlichen südkoreanischen Stromer in der Spirit-Ausführung mit großem 64 kWh-Akku. Fahrbericht!


Kia e-Niro mit 64 kWh hat 455 Kilometer Reichweite

Den Kia e-Niro gibt es in zwei Versionen: die Basisversion ist mit einem 39,2 kWh Akku ausgestattet, die höher positionierte mit einem 64 kWh Akku. Gekoppelt an die Akku-Kapazität ist die jeweilige Leistungsstufe. Während der 39,2 kWh-Akku mit der 100 kW (136 PS) Stufe einhergeht, harmonisiert der 64 kWh-Akku mit der 150 kW-/204 PS-Stufe.

Kia e-Niro 2019

Kia e-Niro 2019
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Reichweite können sich Herstelle durch mehr Kapazität ziemlich einfach erkaufen, deswegen kommt es maßgeblich auf den Stromverbrauch – sprich Effizienz des Antriebsstrangs – an. Laut Datenblatt sollen die beiden Versionen rund 16 kWh auf 100 Kilometer verbrauchen – in der Praxis lag ich am Ende bei 17 kWh. Das ist exzellent! Angesichts der Tatsache, dass ich nicht einmal versucht habe, effizient zu fahren.

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Und was dazu noch schön ist: Nach rund 140 Kilometern Fahrt kommt man abends am Hotel an mit der Sicherheit, das Auto nicht unbedingt laden zu müssen. Denn man hat ja noch 271 Kilometer Restreichweite (zumindest ich hatte die). Diese Angabe ist so gut wie garantiert und durch nur wenige Einflussfaktoren maßgeblich zu verändern.

Beeindruckende Fahrdynamik

Durch enge Serpentinenstraßen zirkelt der Kia e-Niro seinen 1,8 Tonnen schweren Körper wie ein Extra 300 Kunstflugzeug beim Air Race. Normalerweise beschwere ich mich immer über den Lenkwiderstand, doch der ist im Sportmodus perfekt. Trotz Vorderradantrieb ist die Traktion beeindruckend und die Lenkung ruhig. Die 1,8 Tonnen Gewicht fühlt man erstaunlicherweise nicht – zu gut abgestimmt ist das Fahrwerk, das so sauber kaschiert wie ein MI-6-Agent beim Spuren verwischen. Ich sage es nur ungern, aber so viel Agilität habe ich beim Jaguar I-Pace nicht gespürt.

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Der Kia e-Niro unterscheidet sich von seinen Brüdern Niro PHEV und Niro HEV kaum. Türkisene Akzente an der Karosserie, ein geschlossener Kühler sowie neu designte LED-Tagfahrlichter verraten aber seine radikale Antriebsart.

Freilich: durchdrehende Vorderräder werden rasch von der Elektronik gezähmt. Das Drehmoment von 395 Nm ist dann am Ende doch zu viel für die vergleichsweise dünnen Reifen an der Vorderachse. Aber ich beschreibe ja hier auch kein Sport-Derivat, sondern eigentlich ein Vernunfts-Automobil. Und trotz der auf dem Papier eher langsam wirkenden 7,8 Sekunden von 0 auf 100 Km/h fühlt sich die Beschleunigung deutlich stärker an. Elektroauto eben.

Tja, stille Wasser sind tief. Mit dieser Tatsache wird fast jeder mindestens ein Mal in seinem Leben konfrontiert.

Nun, der Kia e-Niro ist zwar schon da, bestellt werden kann er aber erst im April 2019. Gerüchten zufolge kommen im ersten Jahr aber nur rund 3.000 Einheiten nach Deutschland, was bedeutet, dass man – theoretisch – auch gleich auf den im Jahr 2020 auf den Markt kommenden VW ID. warten könnte. 

Interieurqualität auf hohem Niveau

Das Qualitätsimage von Kia eilt den Südkoreanern manchmal noch Voraus. Klar, die Paddles hinter dem Lenkrad sind qualitativ nicht gut – gar nicht. Und ich verstehe auch nicht, wieso so eine lausige Qualität ausgerechnet an die Stelle wandert, an der man andauernd seine Finger hat.

Denn mit den Paddles definiert man die verschiedenen Widerstände und kann sogar in den Automatikmodus schalten, wo die Rekuperation automatisch dem Abstand bis zum vorausfahrenden Fahrzeug angepasst wird. Also man hat sie wirklich dauerhaft in den Fingern. Schade.

Doch außer diesem Manko ist die Verarbeitung gut: alles ist fest, die Teile liegen sauber aneinander – einzig das Multimediasystem könnte größer sein. Bei einem Elektroauto erwartet man eben mehr digitale Lösungen. Mit dem normalen 8 Zoll Bildschirm fängt man in der Zukunft eben nicht so viel an.

Laden mit 100 kW

Der Kia e-Niro lädt mit bis zu 100 kW maximalem Ladestrom. Von 20% auf 80% Kapazität dauert eine Ladung damit 42 Minuten – bei beiden Akku-Versionen. An der Haushaltssteckdose lädt man sich – wie erwartet – einen Wolf: hier sind es über 11 Stunden bei der 39,2 kWh-Version und utopische 17 Stunden 50 Minuten für die 64 kWh-Version. Kann man also voll vergessen.

Selbst an so mancher 7,2-kW-Ladestation, die draußen vorkommt, braucht es knapp 4 bzw. 6 Stunden, um von 20 auf 80 Prozent aufzuladen. Auch zu lang. Aber das bedeutet – und man kann es gar nicht oft genug sagen: es steht und fällt mit der Ladeinfrastruktur.

Der Jaguar I-Pace war für uns das erste Elektroauto, das ziemlich schlüssig erschien. Der Kia e-Niro macht seine Sache aber noch ein klein bisschen besser.

Drei Ausstattungslinien: Edition 7, Vision, Spirit

Für den Kia e-Niro gibt es drei Ausstattungslinien: die unterste, Edition 7, dann Vision und die Top-Ausführung Spirit. Alle Ausstattungslinien gibt es jeweils mit kleinem oder großem Akku. Der Basispreis liegt bei 34.290 Euro für den 39,2 kWh Kia e-Niro Edition 7 und hört bei 44.790 Euro für den 64 kWh Kia e-Niro Spirit auf.

Schon die kleine Version soll eine Reichweite von 289 Kilometern schaffen. Ich habe das nicht ausprobiert, aber angesichts der stimmigen Reichweite des größeren Bruders kann man auf diese Aussage vertrauen.

Fazit zum Kia e-Niro Spirit 2019 (64 kWh, 150 kW)

Mit 455 Kilometern Reichweite, die auch tatsächlich locker eingehalten werden kann, sind Reichweiten-Ängste wirklich passé. Der normale Kia Niro ist in Sachen Abstimmung und Konzeptionalisierung weit hinterher. Würde ich mich in dieser Fahrzeuggattung bewegen, käme für mich nur der rein elektrische e-Niro in Frage.

Ohne Zweifel. Preis, Leistung, Qualität und Fahrdynamik passen zusammen und bilden ein äußerst schlüssiges Gesamtkonzept. Darüber hinaus gibt es auch auf den Kia e-Niro 7 Jahre lang Herstellergarantie.

 Bewertung Kia e-Niro Spirit 2019 (64 kWh, 150 kW)
 Optischer Eindruck +++
 Qualität Karosserie ++++
 Lackqualität Karosserie ++++
 Qualität im Interieur +++
 Sitzkomfort Cockpit ++++
 Sitzkomfort Fonds +++
 Digitales Bedienkonzept ++
 Raumangebot ++++
 Innenraumgeräusch / Dämmung ++++
 Lenkung +++++
 Spurtreue ++++
 Fahrwerk ++++
 Motor +++++
 Getriebeabstimmung kein Getriebe
 Innovation +++++
 Preis ++++
 Gesamteindruck Kia e-Niro Spirit 2019 (64 kWh, 150 kW) ++++
  +++++ = Maximum

Benjamin Brodbeck

Benjamin Brodbeck ist 28 Jahre alt und studierte Automobilwirtschaft bei Prof. Dr. Diez. Danach wechselte er an die Universität Wien, wo er Publizistik- und Kommunikationswissenschaften studierte und mit dem akademischen Grad 'Magister der Philosophie' abschloss. Neben seiner Tätigkeit als Jazz-Pianist bringt er seine Leidenschaft für und sein Wissen von Automobilen in Form und Sprache als Publizist bei AUTOmativ.de sowie zahlreichen weiteren Plattformen zum Ausdruck.

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