Medien zum Fahrbericht des VW ID.: „Noch viel zu tun“ und: „Der Golf ist tot“

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Die erste Riege der deutschen Medienlandschaft – die sogenannten „A-Medien“ – war nach Südafrika geladen, um den im Jahr 2020 auf den Markt kommenden ersten Wurf der VW ID. Familie zu testen. Ungewöhnlich früh für einen ersten Fahrbericht mit einem Entwicklungs-Prototypen. Dementsprechend überraschend fallen auch so manche Kommentare der Medien aus. Ein Überblick!


„Bis 2020 noch viel zu tun“

Die sonst eher überdurchschnittlich pro Volkswagen berichtende Auto Motor und Sport leitet den zweiten Absatz des Fahrberichts mit den Worten ein: „(…) denn es gibt noch viel zu tun bis zum Marktstart 2020.“ Nichts Außergewöhnliches bei Prototypen. Deswegen heißen sie auch Prototypen bzw. Entwicklungsfahrzeuge.

Jedoch erweckt der gesamte Fahrbericht des VW ID. (übrigens der einzig wirkliche Fahrbericht aller Medien, die geladen waren) überraschenderweise den Eindruck eines völlig in der Entwicklung rückständigen Fahrzeugs. Wer ihn beim morgendlichen Frühstück liest, behält folgende erwähnte Punkte im Kopf: Jenes „präzise Fahrverhalten, das einen Golf auszeichnet, fehlt dem ID. in letzter Konsequenz.“ Auch nichts Ungewöhnliches – erst einmal. Doch die Masse an Bemerkungen sowie die Masse an geschilderten Rechtfertigungen seitens der Volkswagen-Entwickler – mitunter seitens Entwicklungsvorstand Dr. Frank Welsch – lassen hellhörig werden.

Denn weiter rechtfertigt sich Dr. Welsch, dass die Lenkung noch gar keine definierte Kennlinie habe. Erstaunlich, denn wozu lädt man Journalisten ein, außer mit dem – sogar ausgesprochenen – Ziel, einen ersten Eindruck vom Fahrzeug zu bekommen? Umso mutiger, gerade einen Autojournalisten einzuladen, der die sonst übliche präzise Abstimmung von Volkswagen Fahrzeugen schätzt, ohne überhaupt eine Kennlinie für die Lenkung zu haben.

Volkswagen will die ID.-Familie mehr als 330.000 Mal im Jahr verkaufen:

„Leichtes Rumpeln aus dem Kellergeschoss“

Doch es kommt noch detaillierter, Zitat: „leichtes Rumpeln aus dem Kellergeschoss, Anregungen bis in die Sitzfläche, fragender Blick.“ Nichts, was ein Autohersteller unbedingt von seinem Hoffnungsträger lesen möchte, oder? Immer im Hinterkopf behalten: Wir reden hier nicht über irgendein Nischenfahrzeug. Wir sprechen hier über den Hoffnungsträger des gesamten Volkswagen Konzerns, denn schließlich wird der ID. seine Plattform fast allen Konzernbrüdern spendieren. Das Auto, das 330.000 Mal im Jahr gebaut werden, das ganze Kontinente erobern und das gegen die Hyundais, Kias und Teslas antreten soll.

„Der E-Motor ist an einem Hilfsrahmen an der Hinterachse befestigt.“ Aha. Auch das ist nichts Außergewöhnliches – für diejenigen, die wissen, warum, wieso, weshalb. Aber ein normaler Kunde, der das liest, denkt sich seinen eigenen Teil. „Im Gegensatz zu ihm (dem e-Golf) wirkt der ID. so schwer, wie er tatsächlich ist (schätzungsweise 1,8 Tonnen).“ Auch nicht unbedingt ein fahrdynamisches Kompliment. Dazu geben die immer wieder beschriebenen rechtfertigenden Kommentare von Dr. Welsch, wie beispielsweise „hören Sie nicht hin“ oder „kommt alles noch“ keinen souveränen Eindruck ab.

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Wundern tut dies nicht. Wenn man Journalisten einlädt, die nicht nur zum Kaffeekränzchen oder zum Meilen sammeln rund zwölf Stunden fliegen, um ein ganz besonderes Auto fahren zu dürfen, das offensichtlich – und nach der Beschreibung von Auto Motor und Sport – noch nicht so weit ist, beurteilt zu werden, bekommt man die Quittung als Kür – und das zusätzlich und kostenfrei zu den Lufthansa Reisekosten. Zwar führt der gesamte Fahrbericht auch durchaus positive Worte, doch der Grundtenor – zumindest für mich – bleibt der eben Beschriebene.

„Der Golf ist tot – was kommt jetzt“

Unser allseits beliebte Lieblings-Redaktion Focus war – natürlich – auch mit von der Partie. Warum auch nicht. Zum Beispiel um eine Headline auf die Beine zu stellen, die in dieser Form eher dem Clickbaiting zuzuordnen ist. Schwamm drüber, kennen wir ja vom Focus.

Ansonsten positiver Beitrag, der VW ID. scheint wohl 1,6 Tonnen zu wiegen (wahrscheinlich liegt die ganze Wahrheit irgendwo zwischen 1,6 und 1,8 Tonnen) und lässt sich mit bis zu 11 kW auch induktiv laden. Das ist eine absolute Neuheit: denkt man etwa daran, nicht mehr den Stecker in den Ex-Kühlergrill stecken zu müssen.

Bei der Verwechslung der Angabe kW (=Kilowatt) und kWh (=Kilowattstunde) im letzten Absatz merkt man, dass das Thema Elektromobilität selbst bei den Fachjournalisten noch nicht ganz durchgedrungen ist. Wie sieht es erst bei den Endkunden – bei Ihnen – aus? Selbst wir haben uns am Anfang durchaus an die neuen Leistungs- und Ladekennziffern gewöhnen müssen.

Wir saßen schon in der Studie ID. Crozz! Wie der erste Eindruck war:

Darüber hinaus erfahren wir, dass es den VW ID. in der vorerst höchsten Leistungsstufe mit 150 kW (204 PS) und 300 Nm geben wird. Das entspricht exakt der höchsten Leistungsstufe des Kia e-Niro. Mit bis zu 120 kW kann an Schnellladesäulen geladen werden. Auf einem Volkswagen Workshop bezüglich des neuen „Modularen Elektrobaukastens“ (MEB) wurde uns seitens Ionity, dem Ladeinfrastruktur-Partner des VW-Konzerns, versichert, dass Ladesäulen mit bis zu 300 bis 400 kW für 2020 geplant sind. Bis dahin sollte die ID.-Familie auch dies können, sonst macht natürlich die ganze Nummer keinen Sinn.

Seriosität beim Spiegel heißt: keine Fahreindrücke

Die sehr geschätzte Spiegel Online Redaktion war ebenfalls vor Ort in Kapstadt. Nur leider wird die einleitende Fragestellung „hält das Modell, was sich die Konstrukteure von ihm versprechen“ nicht wirklich aufgelöst. Denn Fahreindrücke werden so gut wie nicht beschrieben – schade.

Gerade das erwartet man von einer Automobil-Redaktion, die einen „Test“ eines Fahrzeugs durchführt – bei dem die Entwickler sogar „den Platz hinter dem Lenkrad freigeben“. Zwar nicht auf AMS-Niveau, aber durchaus mehr als jetzt. Immerhin erfährt man aber, dass wohl ein GTI-Derivat in der ID.-Familie geplant ist. Das ist neu, und – sollte das wahr sein – richtig cool. Denn genau so muss man die Elektromobilität verkaufen: emotional!

VW ID. mit 330 bis 550 Kilometer Reichweite

Was alle Medien erfahren haben wollen ist, dass die Reichweite – je nach Ausbaustufe – zwischen 330 und 550 Kilometer liegen soll. Und das nach dem neuen Fahrzyklus WLTP. Darüber hinaus soll es ein revolutionäres Cockpit geben, ein Head-Up Display mit auf die Straße projizierenden Befehlen soll Einzug halten und der Einstiegspreis soll so hoch sein wie der eines Golf 7 Diesel. Also deutlich unter 30.000 Euro. Da bleibt nur zu hoffen, dass Volkswagen seine bisherig verfolgte Aufpreis-Politik ad acta legt.

Abschließend ist es aber durchaus erfreulich – für uns alle – dass der VW ID. (wie auch immer er dann heißen wird) meistens als souverän und – trotz seines frühen Entwicklungsstadiums – weit entwickelt angesehen wird. Das schürt Hoffnungen und könnte beweisen, dass Volkswagen zwar spät kommt, dafür aber dann nahezu perfekt, günstiger und von A bis Z durchdacht. Es bleibt also spannend!

Auto Motor und Sport hat im Laufe des Tages die Überschrift sowie einzelne Inhalte des Fahrberichts zugunsten Volkswagen geändert, weswegen einzelne Zitate nicht mehr dem gegenwärtigen Stand entsprechen. Da Google aber nichts vergisst, ist die Schlagzeile immer noch lesbar.
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Mia Iannotta

Mia ist seit Mitte 2015 das italienische und - viel wichtiger - weibliche Herz von AUTOmativ.de. Ohne ihre unregelmäßigen Artikel wäre das Magazin lebloser und langweiliger. Mia lebt die meiste Zeit des Jahres im Großraum Rom, den Rest verbringt sie irgendwo anders. Warum sie manchmal über Automobile schreibt? Nun, als wir sie auf der Mille Miglia beobachteten, wie sie sich um die Alfisti kümmerte, konnten wir einfach nicht widerstehen.

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