Neue DIN SPEC für digitale Batterie-Zwillinge: Auf dem Weg zur Standardisierung der E-Mobilität
Mit der DIN SAE SPEC 91487:2025-08 ist heute ein neuer Standard für digitale Zwillinge von Fahrzeugbatterien veröffentlicht worden. Entwickelt wurde die Norm in einem gemeinsamen Projekt der Porsche-Tochtergesellschaft MHP (Management- und IT-Beratung), Amazon Web Services (AWS) sowie einem weiteren Partner, der nicht namentlich genannt wird. Ziel des neuen Standards ist es, Begriffe und Merkmale für die Anwendung digitaler Zwillinge in Elektrofahrzeugen zu vereinheitlichen und eine Grundlage für internationale Zusammenarbeit und technologische Weiterentwicklung zu schaffen. Dies könnte für die europäische Automobilindustrie sehr wichtig werden.
Einheitlicher Standard für digitale Zwillinge von Fahrzeugbatterien
Die DIN SPEC liefert ein gemeinsames Begriffsverständnis, definiert einheitliche Merkmale und gibt einen Rahmen zur Kategorisierung von Fahrzeugbatterien vor. Zwar bleibt sie branchenspezifisch neutral und verzichtet auf algorithmische Anforderungen, doch ihre praktische Bedeutung könnte weitreichend sein – vor allem in Europa.
Was regelt die DIN SAE SPEC 91487 konkret?
Die neue Norm definiert verschiedene Reifegrade digitaler Zwillinge bis hin zu Level 4. Dieser beschreibt digitale Abbilder, die auf Live-Daten, historische Flotteninformationen und künstliche Intelligenz zur Analyse und Prognose zurückgreifen. Im Zentrum stehen insbesondere Fahrzeugbatterien, deren Zustand, Nutzung und Lebensdauer so digital überwacht und bewertet werden können. Die Spezifikation entstand im PAS-Verfahren (Publicly Available Specification), einem beschleunigten Normierungsprozess. MHP fungierte dabei als Konsortialführer, AWS brachte unter anderem eine technische Grundlage in Form eines Reifegradmodells ein.
Relevanz für die europäische Autoindustrie
Die Elektromobilität ist eine der strategischen Prioritäten der Europäischen Union. Mit der neuen EU-Batterieverordnung, die seit August 2024 in Kraft ist, steigen die Anforderungen an Transparenz, Nachhaltigkeit und Performance von Fahrzeugbatterien erheblich. Unter anderem werden detaillierte Informationen über Herkunft, Zusammensetzung, Lebensdauer und CO2-Bilanz verpflichtend. Digitale Zwillinge könnten eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung dieser Vorgaben spielen. Sie ermöglichen eine durchgängige Dokumentation der Batterie über den gesamten Lebenszyklus hinweg – von der Herstellung bis zum Recycling. Die DIN SPEC 91487 bietet hierfür einen standardisierten Rahmen, der Unternehmen bei der Entwicklung, Integration und Validierung digitaler Zwillinge unterstützt.
Vorteile für Forschung, Entwicklung und Industrie
Durch die Norm erhalten europäische Fahrzeughersteller, Zulieferer und Forschungseinrichtungen ein gemeinsames Vokabular sowie ein Referenzmodell, um Batterien einheitlich zu beschreiben und digitale Abbilder zu entwickeln. Das erleichtert nicht nur die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Wissenschaft, sondern reduziert auch Integrationskosten und Schnittstellenprobleme. Für OEMs und Tier-1-Zulieferer bietet die Standardisierung eine hohe Investitionssicherheit. Produkte, die auf Basis der DIN SPEC entwickelt werden, lassen sich einfacher in bestehende Systemlandschaften integrieren und perspektivisch auch international vermarkten. Gerade für Anbieter von Cloud-, IoT- und Analyseplattformen entsteht so ein wachsender Markt innerhalb der EU.
Digitale Zwillinge als Basis für den digitalen Batteriepass
Ein weiterer europäischer Meilenstein ist der „digitale Batteriepass“, der ab 2027 verpflichtend für viele Batteriearten eingeführt wird. Er soll Informationen über Materialien, CO2-Emissionen, Nutzung und Recyclingfähigkeit beinhalten. Die standardisierte Datenstruktur der DIN SPEC kann als Grundlage dienen, um diese Informationen effizient und automatisiert zu generieren und zu pflegen. Damit könnte die DIN SPEC 91487 eine zentrale Rolle in der Umsetzung der EU-Kreislaufwirtschaftsstrategie einnehmen. Denn nur mit strukturierten und interoperablen Datenmodellen lassen sich komplexe Lieferketten transparent und regulatorisch konform abbilden.
Wegbereiter für eine ISO-Norm und internationale Wirkung
Die Integration der SAE International in den Normierungsprozess deutet bereits auf eine mögliche Weiterentwicklung der DIN SPEC zu einer global anerkannten ISO-Norm hin. Damit würde die Spezifikation nicht nur innerhalb Europas, sondern auch auf internationaler Ebene zur Referenz werden – etwa für US-amerikanische, koreanische oder japanische Hersteller. Eine international anerkannte Norm könnte die Interoperabilität zwischen Herstellern, Zulieferern und digitalen Plattformanbietern weltweit verbessern und den Export europäischer Technologien und Dienstleistungen im Bereich der digitalen Batterie-Zwillinge fördern.
Ein strategischer Hebel für Europa
Die Veröffentlichung der DIN SAE SPEC 91487:2025-08 ist mehr als eine technische Formalie. Sie markiert einen bedeutenden Schritt in Richtung Standardisierung und Digitalisierung der Elektromobilität in Europa. Durch die gezielte Einbindung europäischer Regularien und Technologien schafft sie eine Grundlage für Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und regulatorische Konformität. Langfristig könnte sich die Norm als Schlüsselinstrument zur Umsetzung europäischer Industriepolitik etablieren – sowohl im Bereich Elektromobilität als auch im übergreifenden Kontext von Digitalisierung. Sie bietet der europäischen Autoindustrie die Chance, eine Vorreiterrolle bei der digitalen Transformation der E-Mobilität einzunehmen – technisch, wirtschaftlich und strategisch.
