Kommentar: Renault Espace und VW-Dieselgate

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Was für eine erlösende Nachricht! Wir Deutschen sind glücklicherweise nicht die einzigen, die in der Diesel-Affäre dem anfänglich von Volkswagen geprägten und von den Medien liebevoll auch #dieselgate erwiderten Begriff der Motoren-Manipulation alle Ehre erweisen. Denn ausgerechnet unsere sauberen und umweltbewussten Nachbarn im Westen mit ihrem Renault Espace schummeln genau so! Ha! Ein Zwischen-den-Zeilen-lesen-Beitrag.


Wir sind alle schockiert – und zwar sowas von!

Und genau so wie alle in der westlichen Welt – die Einwohner in Shanghai und Peking glauben ja ernsthaft, dass selbst unsere Volkswagen und Renault Dieselmotoren zu einem saubereren Stadtklima beitragen würden – sind wir geschockt über die Nachrichten, dass noch mehr Fahrzeughersteller bei den Emissionswerten betrügen könnten, so wie es Volkswagen getan hat!

Während Stuttgart den schwarzen Volkswagen-Ruß jeden Tag von seinen Sitzgarnituren fegt, stellte unsere deutsche Umwelthilfe (DUH) Ende letzter Woche fest, dass auch die NOX-Emissionswerte des Renault Espace mit dem 1,6 Liter Dieselmotor bis zu dreißig Mal höher sein könnten, als bei der strengen Umweltnorm Euro 6 erlaubt seien. Alle Renault-Konzernfilme über umweltbewusstes Handeln dahin. Alle Hoffnungen der Alternativ-lebenden Vorstadt-Familien, mit Renault einen nachhaltigeren Partner für die Familienkutsche gefunden zu haben, als mit den gierigen Deutschen – dahin. Alles nur Farce. Wir könnten heulen. Echt jetzt.

Wie, VW war nicht alleine?

Als ob irgendjemand geglaubt hat, dass Volkswagen als einziger Hersteller dieser Erde geschummelt hat. Und doch: es scheint so, als würden die deutschen Konkurrenten BMW und Mercedes-Benz deutlich mehr finanzielle Mittel für eine saubere Entwicklung ihrer Dieselmotoren zur Verfügung stellen, als es Volkswagen tut bzw. tat.

Experten schätzen den finanziellen Mehraufwand bei BMW und Mercedes im Schnitt auf 700 bis 900 Euro pro Fahrzeug. Das muss man bei einem Kleinwagen erst einmal wieder reinholen.

Und während die Franzosen eine Pressemitteilung nach der anderen an die Medien dieser Erde schreiben und mit allen Mitteln versuchen, die Betrugsvorwürfe abzustreiten, erinnert uns das nicht nur an die Anfänge bei VW, sondern gibt uns auch Zeit, die Worte hinter der Abkürzung ESPACE mit Hilfe der Amerikaner zu entschlüsseln: Extreme SMOG Producing Automobile Cheats Emissions. Da haben wir’s … dass wir so lange von Renault getäuscht werden konnten? Dabei war alles so offensichtlich.

Zu strenge Vorschriften der EU?

Involvierte VW-Mitarbeiter und Ingenieure sagten zum Teil aus, dass die Vorschriften der EU zu streng und damit nicht einhaltbar gewesen seien. Deshalb habe man sich zusammen mit einer anerkannten Technischen Universität und einem der größten Zulieferern zu der „Prüfstandssoftware“ entschieden.

Bei diesen Aussagen gibt es jetzt nur einen Haken, nein sogar zwei: die anderen deutschen Hersteller BMW und Mercedes scheinen die strengen Vorschriften der EU durch aufwendigere Entwicklungen einhalten zu können. Und zweitens: nur durch den Einbau eines sogenannten Strömungsgleichrichters, der im Einkauf maximal 15 Cent kostet, und einem zusätzlichen Software-Update, aus dem angeblich kein Leistungs-Defizit resultieren soll, sind auf einmal alle Probleme des Diesel-Skandals gelöst? Also bei aller Liebe zum Volkswagen-Konzern – aber das klingt alles sehr zweifelhaft.

Es geht um Vertrauen. Und um sehr viel Geld. Und um’s Prinzip.

In Ordnung. Nehmen wir einfach mal an – rein theoretisch – dass damit das ganze Problem gelöst wäre und tausende Fahrzeuge wären wieder sauber. Wenn wir ganz ehrlich sind, geht es eigentlich nicht um die erhöhten Ausstoßwerte.

Wenn jemand in einer Diskussion sagt, es ginge ihm „um’s Prinzip“, sind demjenigen meist die Argumentationen ausgegangen. Doch hier geht es wirklich um ein Mischmasch aus Vertrauen, Geld und Prinzip, denn wie oft haben wir es in letzter Zeit auf der Welt, in Europa und auch in Deutschland erlebt, dass die obere Führungsriege eines Vereins, einer Institution oder eines Unternehmens macht, was sie will – ohne Rücksicht auf Verluste und ohne kontrolliert zu werden? Die fehlende Kontrolle liegt meist am hermetisch nach Außen abgeriegelten Netzwerk der Führungspersonen, in dem eine Kontrollinstanz gefangen sowie abhängig von der Führungsinstanz einer Institution ist – sei es ideell oder finanziell.

Und genau dies führt zu Akzeptanzproblemen in der Bevölkerung; wenn „die Großen, Mächtigen“ ihr Ding durchziehen, ganze Imperien auf sich ausrichten ohne Rücksicht auf die Idealwerte zu nehmen, die sie ihren Kunden, Mitgliedern oder Wählern andauernd predigen und sie damit vorsätzlich täuschen. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob es um gefälschte Abgasemissionen (wir alle wussten ohnehin, dass Autohersteller im NEFZ-Verbrauchszyklus schummeln, wo es nur geht – nur zugegeben nicht in dieser Größenordnung) oder um Schmiergelder geht.

Aus diesem Grund ist es richtig, dass Volkswagen-Patriarch Winterkorn gehen musste. Er hat Volkswagen nach oben gebracht, ein Imperium aufgebaut, wunderbare Autos bauen lassen, ja. Aber er hat über Jahre mit dem Feuer gespielt – und zwar nicht im Interesse des Unternehmens und seiner Aktionäre, die über die Hälfte ihres investierten Vermögens an einem Tag verloren. Er wird dafür sicherlich nicht aufkommen, sondern verhandelt vor Gericht über eine maximale Abfindungssumme.

Es ist auch richtig, dass alle gehen mussten und müssen, die bei dieser Thematik unmittelbar involviert waren – nicht nur unternehmensintern.

Und wie geht es jetzt weiter in dieser traurigen Automobilwelt?

Volkswagen steht kurz davor, seine Schäfchen in die Ställe zu holen und mit Hilfe eines Strömungsgleichrichters zur besseren Ordnung der Luft, bevor sie in die Zylinder strömt, ordentlich zu frisieren. Wenn die Vermutungen bestätigt werden, dass die EU-Kommission und die damalige Porsche- und Audi-Führungsriege schon seit 2012 von den Manipulationen gewusst hat, wird es ganz heiß. So vielen Angestellten und Staatsdienern kann man gar nicht kündigen.

Was Renault jetzt genau macht – das weiß niemand so recht. Wahrscheinlich erst einmal strampeln bis Köpfe rollen, sollten sich die Aussagen der Deutschen Umwelthilfe tatsächlich final bestätigen. Und dann beginnt die selbe Prozedur, wie bei Volkswagen. Wahrscheinlich.

Benjamin Brodbeck

Benjamin Brodbeck ist 26 Jahre alt und studierte Automobilwirtschaft. Momentan befindet er sich in seinem Magister für Publizistik an der Universität Wien. Neben seiner Tätigkeit als Jazz-Pianist bringt er seine Leidenschaft für und sein Wissen von Automobilen in Form und Sprache als Publizist bei AUTOmativ.de zum Ausdruck.

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