“Von ellem ebbes”: Warum E-Fuels langfristig ein großer Teil der Lösung sein werden

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“Von ellem ebbes” – aus dem schwäbischen übersetzt “von allem ein bisschen” – pflegte schon meine Großmutter zu sagen. Im Prinzip geht es bei dieser schwäbischen Weisheit um Einsatz des gesunden Menschenverstands und den Ausschluss extremer Denk- oder Lebensweisen. Dass der gesunde Menschenverstand in der letzten Woche bei einigen wieder Urlaub hatte, merkte man an der erneut heißen Diskussion rund um nachhaltige Kraftstoffe, genannt E-Fuels. Der Vorstoß unseres FDP-Verkehrsministers diese im Automobil ab 2035 schlichtweg nicht zu verbieten, stieß auf Empörung in der lauten Social-Media-Blase. Aber warum nur? Ist es so falsch sich für die kommenden 12 Jahre viele Möglichkeiten offen zu halten um damit Optionen zu haben? Optionen – zum Beispiel – für den konventionell angetriebenen (Verbrenner-)Fahrzeugbestand, der bis 2035 sogar noch deutlich zunehmen wird? Wir kommen wieder auf den Anfang zurück: “Von ellem ebbes”. Die Zukunft der Mobilität wird genau so gestaltet sein, denn ohne regenerative Kraftstoffe, ohne E-Fuels, werden wir anlässlich der Elektroauto-Anteile im einstelligen Prozentbereich im (weltweiten) Fahrzeugmarkt weiterhin eine Scheindebatte über nachhaltige Mobilität führen.

E-Fuel sind teuer und selten – und energieintensiv

Ja, E-Fuels sind im Moment noch teuer (ca. 3,50 Euro pro Liter). Es gibt bislang weniger Pilotanlagen, die nachhaltige Kraftstoffe herstellen. Aber überlegen Sie mal kurz: Als die Elektromobilität so richtig anfing vor rund 5-6 Jahren, wissen Sie noch wie teuer die Akkus waren? Daran erinnert sich heute kaum noch jemand. Grundsätzlich ist es im freien Markt am Anfang einer Entwicklung so, dass die Knappheit Einfluss auf den Preis hat. Mit der Zeit und mit steigender Produktionsmenge sinken auch die Einzelpreise.

Ein weiterer Punkt ist: Die Herstellung von regenerativen Kraftstoffen, die im wesentlichen auf Wasserstoff basieren und bei denen CO2 aus der Atmosphäre genommen wird, ist äußerst energieintensiv. Deswegen macht es im Moment nur Sinn diese Kraftstoffe in Regionen der Welt herzustellen, die Sonnen-, Wind- oder Wasserenergie im Überfluss haben. Das Argument, man würde diesen Ländern wie beispielsweise Chile nachhaltigen Strom “wegnehmen”, sodass diese Länder weniger nachhaltig erzeugten Strom zur Verfügung haben, ist übrigens nicht richtig. Denn diese Länder können so viel “grünen” Strom überhaupt nicht speichern – und benötigen so viel Strom auch gar nicht. Und es ist immer noch besser, als – zum Beispiel – den Chilenen durch den Silizium-Abbau ihr ganzes Wasser wegzunehmen. Oder? Sonne und Wind kommen nach – Wasser dort eher nicht.

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Die E-Fuel Pilotanlage von Porsche, Siemens und weiteren internationalen Partnern in Chile.

E-Fuels als Beimischung zum Kraftstoff für sofortige Wirkung

Deswegen macht es nur Sinn, E-Fuels international zu denken. So wie es Porsche und internationale Partner in ihrer Pilotanlage „Haru Oni“ (Titelbild) in Punta Arenas (Chile) heute auch schon machen. Natürlich sind E-Fuels (jetzt noch nicht) keine Alternative für die Massenmobilität. Aber das müssen sie auch gar nicht sein: Denn in der Masse, mit relativ kleinen Batterien, machen Elektroautos total Sinn. So lange man keine 1.000 Kilometer Langstrecke in der Woche fahren muss, sind Elektroautos die beste Wahl. Sie sind leise, das Fahren ist ruhig und sie sind lokal ohne Emissionen. Übrigens auch mir macht Elektroautofahren auch total Spaß. Man braucht ein bisschen Übung – und kann seinen Kia EV6, Volvo C40 oder Porsche Taycan auch mal auf der Langstrecke einsetzen – allerdings benötigt man in jedem Fall mehr Reisezeit, alleine durch die längeren und häufigeren Lade-Stopps. Man könnte jetzt sagen, dass längere Reisezeiten ein absoluter Rückschritt sind in der automobilen Welt, ähnlich wie der Rückschritt in der Luftfahrt, als man die Concorde aus dem Verkehr genommen hatte. Oder man nimmt es gelassen und sagt: Andere Zeiten erfordern eben andere Maßnahmen.

Dennoch macht es Sinn E-Fuels weiterhin zu verfolgen. Alleine durch Elektroautos mit riesengroßen Akkus mit über 70 kWh Kapazität werden wir kein Problem lösen. Alleine die Frage: “Was machen wir mit dem ganzen Fahrzeugbestand ab 2035, der noch jahrzehntelang auf diesen Straßen fahren wird?” brauchen wir Antworten. Antworten, die realisierbar sind. Diese ganzen Autos einfach nach Afrika zu exportieren, macht das CO2-Problem nicht besser. Diese Autos zu verschrotten ebenso wenig. “Denn das nachhaltigste Produkt ist immer das, was man möglichst lange im Einsatz hat”, sagte sogar der Öko-Arzt Dr. Eckart von Hirschhausen am Mittwoch in seiner Sendung kurz vor der tagesschau. Ja, das stimmt auch: Ein 911er (sorry, ist einfach mein Lieblingsbeispiel) von 1966 ist einfach schon tausendmal nachhaltiger als ein Audi Q8 e-tron. Und das wird der elektrische Audi so schnell auch nicht mehr aufholen.

Alleine durch eine Beimischung von nachhaltigem Kraftstoff in unsere konventionellen Kraftstoffe würde man schon jetzt eine sofortige Wirkung erzielen. Dem entgegen steht die sofortige Wirkung bei Elektroautos in Deutschland unter Berücksichtigung, dass wir im Jahresschnitt nur 40 Prozent regenerative Energiequellen haben.

Keine Verbots-Politik, sondern Chancen-Politik

Worum es mir eigentlich an diesem Sonntag geht (bevor das hier wieder zu lang wird) ist: Wir sollten ALLE Chancen ergreifen. Und nicht Technologien von vornherein ausschließen und verbieten, dessen Entwicklung und Ausgang wir in diesem Moment überhaupt nicht einschätzen können. Wer die Entwicklung von E-Fuels jetzt schon für die nächsten 10 Jahre vorhersehen kann, ist nahe eines Scharlatans. Hätten wir nicht so wahnsinnig viel Energie (und nicht nur nachhaltige Energie) in den Ausbau einer gesamten Elektroauto-Ladeinfrastruktur, in neue Elektroauto-Fabriken, in neue Batterie-Produktionsanlagen, in neue Elektroauto-Entwicklungszentren gesteckt, wären heutige Akkus für Elektroautos immer noch so teuer, dass kaum jemand sich ein Elektroauto leisten könnte. Auch heute noch sind die E-Autos noch teuer genug.

Fakt ist: Das Potenzial von E-Fuels ist sehr groß. Weltweit gibt es heute mehr als 1,3 Milliarden Verbrennerfahrzeuge. Viele davon werden noch Jahrzehnte lang auf der Straße unterwegs sein. Und es spielt keine Rolle, wenn wir in Deutschland Verbrennungsmotoren verbannen, die in anderen Teilen der Welt auch Jahrzehnte nach 2035 weiterlaufen werden.

Und denken Sie vielleicht mal daran: “Von ellem ebbes”. Auch Wasserstoff übrigens wird eine große Rolle in der Zukunft der Mobilität spielen. Nicht nur Elektro. Auch wenn letzteres so viel einfacher für viele Politiker wäre. Aber die Zusammenhänge sind eben oft komplex.

Wie war Ihre Woche? Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag!

Benjamin Brodbeck

Benjamin Brodbeck ist 33 Jahre alt und studierte Automobilwirtschaft bei Prof. Dr. Diez. Danach wechselte er an die Universität Wien, wo er Publizistik- und Kommunikationswissenschaften studierte und mit dem akademischen Grad 'Magister der Philosophie' abschloss. Neben seiner Tätigkeit als Jazz-Pianist bringt er seine Leidenschaft für und sein Wissen von Automobilen in Form und Sprache als Publizist bei AUTOmativ.de sowie zahlreichen weiteren Plattformen und Unternehmen zum Ausdruck.

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